Spessart50

Bad Orb, den 20. August 2017 –

Prädikat: „Ambitioniert sportlich“ so das Resümee nach der Wanderveranstaltung  Spessart50, die erstmals im hessischen Bad Orb stattfand. Der Spessart – Sprachforscher leiten die Namensherkunft aus dem Lateinischen ab.  Spissa et ardua silva, so die Interpretation – stehend für einen dichten beschwerlichen Wald. Der Spessart – als ein sich nordsüdwärts erstreckendes Mittelgebirge, eingeklammert vom Vogelsberg/Rhönareal im Norden und vom Odenwald im Süden. Geologisch  reihen sich die Höhenzüge wie eine Perlenkette auf, was eine besondere Herausforderung für Wandersfrau- und –mann darstellt. Dichte Waldkuppen, knackige gegen die Höhenzüge gerichtete Steigungen, wenige exponierte Aussichten so die Charakteristik aus der Wanderbrille betrachtet. Das Ganze  garniert mit Ranken und Sagen von den legendären Spessarträubern bis hin zu einem gewissen Schinderhannes. der hier ebenso sein Unwesen trieb.

So hatte ein Outdoorausrüster in Zusammenarbeit mit einer Eventagentur aus Bergisch Gladbach, nach erfolgreicher Erstauflage der „Bergische50“ im vergangenen Jahr  erstmals nach Bad Orb eingeladen. 50 Kilometer in einem Zeitfenster von 12 Stunden, so die ausgeschriebene Herausforderung. Die Wahl von Bad Orb war dabei wohlweislich durchdacht. Gelegen im Naturpark Hessischer Spessart, zentral am Premiumwanderweg „Spessartbogen“ zwischen Langen-Selbold und Schlüchtern und dem Eselsweg, einer historischen Handelsstraße gelegen, sowie umringt von zahlreichen Rundwanderwegen bietet das Areal eine gute Grundlage um ein attraktives Wanderpaket zu schnüren.

Knapp 200 sportlich orientierte Wanderer fanden sich zu der Premiereveranstaltung  an der Konzerthalle des Bad Orber Kurparks ein.  Schon die Ausgestaltung der Ausschreibung im Vorfeld und die Einrüstung des  Startortes belegten  dass hier Organisationsprofis am Werk sind.   Exemplarisch zu nennen ist die Veröffentlichung einer Zeitfensterauflistung unter dem Stichwort „Anwohnermanagement“. Die Einbindung der Einwohnerschaft entlang des Streckenverlaufes – eine durchaus bemerkenswerte und lobenswerte Rarität. Auch für Hundefreunde zeigte der Ausrichter ein großes Herz. So wurde bereits im Vorfeld eine Probewanderung  für Wanderer mit Hund angeboten. Bemerkenswert, dass auch für die vierbeinigen Begleiter an den eingerichteten Verpflegungsstationen gedacht wurde. Ein einziges erwähnenswertes  Manko am Startort  – der fehlende Kaffee am frühen Morgen.

Check-in am frühen Morgen
Konzeptionell interessant: Auch die Möglichkeit von Staffel- und Firmenteilnahmen wurden angeboten

So starteten bei angenehmen Temperaturen ohne aufputschenden Koffein die angemeldeten Wanderer pünktlich um 08.00 Uhr nach den obligatorischen Grußworten der  Kommunalvertreter und des Veranstalters  zur ersten kommerziellen Spessartexkursion über 50 Kilometer.

Auf die Plätze, fertig………los

In südlicher Richtung, den Kurpark verlassend, wurden rasch die ersten Anhöhen der dichtbewaldeten Spessarthänge erreicht. Von Anbeginn war das Marschtempo auf einem hohen Niveau – manch ein Teilnehmer musste jedoch feststellen, dass der Spessart von sehr steilen Flanken durchzogen ist, so dass schneller als geglaubt die Betriebstemperatur erreicht wurde.  Vorbei am Areal Friesenheiligen wo einst eine Vielzahl Wilderer ihr Unwesen trieben, ging es zum ersten Naturhighlight der Strecke, dem Feuchtbiotop Eschenkar einer renaturisierten Moorlandschaft. Auf Holzbohlen querte man das Naturgebiet, bevor wiederum ein kräftiger Anstieg die Kondition auf den Prüfstand stellte.

Zügig geht es durch den Kurpark
…um gleich in den kräftigen Anstieg einzusteigen
Cooler Wanderstyle im Schottenlook, jedoch hochgradig zeckengefährdet
Salzstadt Bad Orb. Hier befindet sich auch das besterhaltenste „doppelwandige“ Gradierwerk der Welt
Wanderparadies Bad Orb
Feuchtgebiet Eschenkar…..
……ein Moorlehrpfad am Spessartbogen
..ab und zu muß man auch mal über ein Stöckchen springen
Spessart pur – kraftvoll geht es aufwärts
Waldkunst…….

Gut geplant die Streckenführung, denn man folgt in diesen Abschnitten dem „Spessartbogen“ , der seit 2012 als Premiumwanderweg zertifiziert ist. Vorbei am Waldkunstprojekt „WaldverWortung“  ging es vorbei am Hubertsberg und Bocksberg zum Bad Orber Hausberg, dem  Molkenberg. Hier oben befindet sich ein alter Befestigungsturm, früher ein Teil der Stadtbewehrung, der heute als Aussichtsturm genutzt wird. Hier hatte man einst einen gewissen Peter von Orb eingesperrt, einen lokalen Räuber im Robin Hood-Format. Auch hier offenbaren sich wieder die Ranken um die legendären Räuber und Banditen im Spessart.

Heftigste Niederschläge haben 48 Stunden zuvor manch eine Piste deutlich unter Wasser gesetzt
Wanderfotograf Markus Balkow von outdoor-wandern.de diesmal mit vierbeiniger Begleitung dabei
Ausblick vom Molkenberg: Kein Spessarträuber in Sicht
..dafür gute Ausblicke hinab nach Bad Orb
Motivation ist alles….

Nach 12 Kilometern war wieder Bad Orb erreicht, wo bereits die zweite Verpflegungsstation aufgebaut war. Auch hier zeigte sich die tadellose Organisation des Veranstalters. Alle fünf Kilometer eine Verpflegungsstelle – am langen Ende mehr als ausreichend. Ebenso hervorragend die Ausschilderung der gesamten Wegstrecke. Die im Vorfeld zur Verfügung gestellte GPX-Datei wurde definitiv nicht benötigt.

Schon notiert? In 14 Tagen startet erstmals ein 24-Stunden-Event im benachbarten Schlüchtern-Breitenbach
Das Hessenstädtchen war bis 1867 in bayrischer Hand und wurde dann an Preußen abgetreten
Die zweite Erfrischungsstation nach zehn Kilometern
Abteilung „Dinge die der Mensch nicht braucht“: Wer braucht hier eine Bewegungs-Lounge – wenn man hier durch den Spessart ziehen kann?
Leider keine Zeit die schmucken Fachwerkshäuser zu besichtigen..
..so bleibt nur ein kurzer Erinnerungsposten

Tallagenbegünstigt hat man in Bad Orb einen Preis zu bezahlen. Steigt man hinab, muss man auf der Gegenseite wieder stramm aufwärts. Zunächst aufwärts, dann wiederum abwärts in das romatische Haseltal vorbei an einer Kneippanlage und einem Angelweiher zum Jagdhaus Haselruhe einem typischen Wirtshaus im Spessart, gelegen an der Haselquelle. Unweit davon befindet sich in einem Waldabschnitt eine Waldbühne, die für lokale Veranstaltungen gerne genutzt wird.

Blick von der Hohenstraße auf Bad Orb
Raus aus der Stadt – rein in den Spessartwald
Gut eingebunden der Premiumweg „Spessartbogen“
Wo „Premium“ drauf steht ist „Premium“ drin
Typisch Spessart: dicht und hoch bewaldet
Zum Abkühlen des Geläufs eine Runde in der Luxuskneippanlage?
Besser als jeder Biologieunterricht: Sing-sang-Zeittafel
Ein Spessartkeiler an der Waldbühne

Weiter führte der Trail auf gut gangbaren Pfaden hinauf zur Haselruhe und von dort aus über den idyllisch gelegenen Sölchesweiher auf sehr schönen Pfaden die Spessarthöhenstraße querend. hinab nach Mernes, wo eine Mittagsstation an der Streckenhälfte eingerichtet war.

Auch hier ist wieder ein steile Passage zu absolvieren
Einfach „Klasse“ dieser Hohlweg
Ein Naturidyll – der Söhlchesweiher
Und die ersten Sommersteinpilze sind auch schon geerntet
Wo ein Wille ist……ist ein Weg……
Spessartkundige kennen die Anforderungen: Holzsägen- und stapeln nach Zeit, Saufederwerfen, Holzscheibenrollen, Schleuderschießen und „Räubertrinken“ aus der Spessart-Spezialflasche….

War die erste Hälfte der Tour vom  spessartypisch dichten Wald geprägt, eröffneten sich nach der Mittagsrast neue Perspektiven.  Von Mernes aus ging es durch das Jossatal oberhalb des gleichnamigen Flusses, der sich durch dieses Tal schlängelt.  Vorbei an Burgjoß (wo man ein Wasserschloß hätte besichtigen können) und Oberndorf ging es vorbei am Sportlerheim des Oberndorfer Fußballclubs. Während sich die Fußballer für das anstehende Match warmliefen, tankten die schon warmgelaufenen  Wanderfreunde an der hier eingerichteten Erfrischungsstation auf. Löblich der Einsatz der Fußballfreunde, die sich hier im Rahmen der Wanderveranstaltung einsetzten.

Der Spessartbund – als regionaler Wanderpartner vor Ort- präsentiert sich an der Mittagsstation
Und diese Combo tut etwas gegen die drohende Unterhopfung…..
Eventfotografen haben die Teilnehmer im Fokus
Bange Blicke nach oben – jedoch Entwarnung……
Tolle Erkenntnis auf der 50 Kilometer-Strecke 🙂
Was wohl anstrengender sein mag: 50 Kilometer im Spessart oder 90 Minuten den Ball hinterherjagend……?
Blick hinab nach Oberndorf…
Historische Wegemarke: Das Mainzer Rad

Weiter ging es entlang des Jossgrundes in einer Schleife entlang eines idyllischen Waldrandes nach Lettgenbrunn, wo nach mal Gelegenheit bestand nach 40 Kilometern ein gepflegtes Päuschen einzulegen. Der Rest –Kür. Spessartuntypisch hieß ab hier die Devise: „Von nun an geht es bergab.“ Ungewohnte Hinweisschilder flankieren den weiteren Wegeverlauf „Vorsicht fliegende Golfbälle“ so der Hinweis für alle Wanderer und Spaziergänger, die hier queren. Vorbei an einer 50 Hektar großen 18-Loch-Anlage des heimischen Golfsclubs Bad Orb Jossgrund ging es ausschleichend abwärts. Vorbei an der Orbquelle führte die Passage oberhalb der Kreissstraße 890 hinein in das Orbtal.

Ein knorriger Baumbolide im Spessartwald…
..und eine Etage tiefer kommen die Schwammerln hoch
Dieses Wegekreuz hat auch schon einige Jahre auf dem Buckel…..
Die wahren Helden des Alltags – Barfußläufer im Wald!!
Nicht mehr weit ist relativ…….
Das wäre juristisch zu prüfen…………..
Wenn ein 92 Kilo schwerer trolleyziehender Golfspieler auf einem 18-Loch-Feld 2.000 Kalorien verbraucht (American College of Sports Medicine), verbrennt ein gleichschwerer 50-Kilometer Spessartwanderer…………………………………?

Entlang der munter vor sich hinplätschernden Orb liegt Deutschlands längster Barfußpfad als 4,5 Kilometer langer Rundkurs. Unvorstellbar der Gedanke, die letzten 2.000 Meter bis zum Kurpark barfuß zu absolvieren. Nach maximal 250 Metern wäre der Notruf unter 112 vorprogrammiert.  So ist nach 50 Kilometern und mehr als 1.300 Höhenmetern dank Wanderstiefel und bester Socken das Ziel an der Konzerthalle erreicht. Offiziell erreichten 147 Teilnehmer das Ziel. Dabei konnte der erste Teilnehmer bereits nach 6 Stunden und 49 Minuten offiziell zum „Durchlauf“ beglückwunscht werden – was einmal mehr den sportlichen Charakter dieses Events unterlegt.

Die letzten Kilometer entlang der Orb
..vorbei an Deutschlands längsten Barfußpfad
…zurück zum Ursprung – dem Bad Orber Kurpark
Nach 50 Kilometer – schlapp wie ein Zerberus?
Zieleinlauf mit Zeitmessung
..und ohne Hast und Eile ein herrliches Wanderbier Peter von Orb: ein sehr zu empfehlender Spezielsud

Spessart50 – eine gelungene sportliche Premiere,  auch wenn die Beteiligung der aufwändig beworbenen und ausgestalteten Veranstaltung geringer als erwartet (man kalkulierte zunächst mit 500 Teilnehmer) ausfiel. Man darf gespannt sein, ob es gelingt die Veranstaltung zu etablieren. Die Wanderinfrastruktur hierfür  ist im Spessart allemal vorhanden. Eine Verlagerung auf einen Samstag wäre durchaus praktikabel, ebenso wie die eine adäquate Koffeinversorgung am frühen Morgen – ansonsten Chapeau für die gute Organisation und die Konzeptionierung der Veranstaltung!

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