Genußwandern im Valle Maira

Macra im Juli 2017 –

„Il buco nero del Europa“ . Valle Maira – das schwarze Loch Europas, gelegen in einem engen Talschlauch der Cottischen Alpen des Piemonts nahe der französischen Grenze. Dort wo pro Quadratkilometer weniger Menschen (2/qkm) als in Alaska (4/qkm) leben, dort wo das höchste Schmetterlingsaufkommen Europas zu verzeichnen ist, dort wo die okzitanische Küche auf piemontesische Weine trifft, dort wo feinstes Wasser scheinbar im Überfluss von den Bergen fließt und dort, wo seit nunmehr 25 Jahren ein außergewöhnlicher Wanderweg, der Percorsi Occitani, ein besonderes Wandererlebnis garantiert.

Der Percorsi Occitani, offiziell P.O. genannt, ist ein Rundkurs über insgesamt 177 Kilometer, der standardmäßig in 14 Etappen aufgeteilt ist. Insgesamt 22 Posta Tappas, urige Unterkünfte mit angeschlossenen Küche, stehen dem Wanderer zur Verfügung, wobei die Slow-Food Bewegung in diesem Landstrich eine besondere Rolle spielt. Ausgezeichnet auch die logistische Struktur im Maira-Tal. Mit dem in Acceglio ansässigen Unternehmen „Sherpabus“, besteht auch die Möglichkeit eines begleitenden Gepäcktransportes. Beste Voraussetzungen also für ein besonderes Wandererlebnis. Im Fokus dieser Wanderexkursion steht dabei der westliche Talabschnitt, inclusive einer talüberschreitenden Hochgebirgswanderung in das Valle Grana zum berühmten Kloster Castelmagno.

Gestartet wird in Macra, ein auf knapp 900 Höhenmeter gelegener Weiler. 1911 waren hier noch 1.058 Einwohner ansässig, heute sind es noch 59. Nach dem Krieg setzte eine regelrechte Landflucht in den Gebirgsdörfern ein. Die Bewohner verzogen sich Richtung Cuneo und Turin. Zurück blieben die Alten und Gebrechlichen. Mittlerweile kehrt der Trend jedoch um und die Täler hinter Cuneo werden langsam wieder als Wochenenddestination bevölkert.

Abenteuerlich die Suche nach der Unterkunft „La Rua“ in Macra. Ein schmaler Wiesenstreifen führt vorbei an halbzerfallenen jahrhundertalten Gebäuden zu einem Rifugio. Zwar ist das La Rua kein klassisches Posta Tappa, jedoch bietet das um die Ecke liegende Restaurant Al Bial, mit dem das Haus kooperiert, eine excellente Feinschmeckerküche an, die man hier nicht erwartet hätte.

Gut versteckt das Rifugio La Rua in Macra
Blick vom Zimmerbalkon
Hier scheint überall die Zeit stehen geblieben zu sein

Dank früher Anreise wird die Gelegenheit zu einer kleinen Akklimatisierungsrunde genutzt. Hierfür bietet sich der Sentiero die Ciclamini an, ein acht Kilometer langer Rundweg. So geht es gemächlich ansteigend hinauf zum Ortsteil Camoglieres, dort wo die St. Pietro-Kirche über Macra trohnt. Auf naturbelassenen Pfaden, flankiert von weißem Sandstein, ist nach gut 45 Minuten eine kleine Oase, die Locanda del Silencio erreicht.  Man merkt dass Sonntag ist. Rund um das 1.ooo Meter hoch gelegene Posta Tappa herrscht für Mairatalverhältnisse ein ungewöhnlich reger Betrieb auf der Wanderstrecke und im Außenbereich der sehr gepflegten Lokation. Tagesgäste aus Dronero, Cuneo und Umgebung genießen bei hochsommerlichen Temperaturen  die herrliche Umgebung. Wir genießen bei einem kühlen Bierra Moretti aus der konsumfreundlichen 0,66 Liter Flasche das Umfeld, und haben bereits jetzt das beruhigende Gefühl angekommen zu sein. Auf naturbelassenen Pfaden geht es in westlicher Richtung immer noch leicht ansteigend über Macras zum Aussiedlerbereich Langhe, welches in einem Talabschnitt gelegen ist, und von dort abwärts einem Maira-Zufluß folgend zurück nach Macra.

Auf dem Blütenweg „Sentiero dei Ciclamini“
Blick hinauf zu St. Pietro oberhalb von Macra
Drei Wanderer…
..davon zwei Sprinter….
…und ein Fotograf…

Bereits auf dieser Passage kann man aufnehmen, was man in den nächsten Exkursionstagen zu erwarten hat. Markante Aussichten – eine wasser-und damit blütenreiche Region, uralte Pfade die einst die einzigen Verbindungswege zu den Weilern waren, sakrale Stationen als historische Erinnerungsposten eines strenggläubigen Bergvolkes und zerfallene Steinhäuser mit imposanten Granitdächern, deren morbider Zustand einen besonderer Reiz ausüben.

Eine alte Tradition: sakrale Stätten an den Ausfallswegen jeder größeren Kommune….
..allsamt mit dekorativen Fresken ausgestattet
Wahrlich eine Oase der Ruhe…..
Blick auf den Taleingang vom Valle Maira aus ca. 1.000 Meter Höhe
Naturskulptur
Blick auf Langhe, einer spärlichen Häuseransiedlung, zugehörig zu Macra

Zum gelungenen Einstieg ein gelungener Tagesausklang. Zum Abendessen erwartet uns im Restaurant Al Bial eine außergewöhnliche und bemerkenswerte gastronomische Leistung mit einem ausgesprochen freundlichen kompetenten und zuvorkommenden Service.  Manch ein Sternekoch könnte hier zu einer Lehrstunde einrücken.  Kreativ die Inszenierung der insgesamt fünf Gänge,  geschmacklich auf einem hohen Niveau und mit einer passenden Weinbegleitung eine perfekte Abrundung.Ergo  beste Voraussetzungen um diese Exkursion als Genußwanderung zu klassifizieren.

Okzitanische Küche auf hohem Niveau

Montag, 3. Juli 2017 7.30 Uhr

Am Dorfbrunnen füllen wir unsere Wasserflaschen mit besten Quellwasser – übrigens ein weiterer Pluspunkt auf dieser Passage. Insbesondere im nordwestlichen Abschnitt des P.O. findet man in Abständen von wenigen Kilometern unzählige Möglichkeiten seinen Wasserspeicher zu nachzufüllen. Zunächst folgen wir einem Mairazufluß hinauf zum Weiler Langhe, der auf 1.000 Höhenmeter gelegen ist. Ein Anwesen ist zur Hälfte restauriert, eine Satellitenschüsssel belegt, dass man auch hier im 21. Jahrhundert angekommen ist.  Jedoch die umliegenden Häuser sind bereits lange eingefallen und die Natur holt sich das Areal sichtbar zurück.

Auf dem P.O. -Percorsi Occitani- Richtung Elva – die Markerierung ist für die Verhältnisse der Region ausgezeichnet
Aufwärts an Langhe vorbei ….
…und permanent wird man von Wasser begleitet
Beeindruckend sind sie schon die halbzerfallenen Anwesen
Der Zahn der Zeit nagt, am Stein und am Holz….

Durch Lärchenwälder und dichtbewachsenen Hängen geht es permanent aufwärts. Immer wieder zieht der felsendurchsetzte Weg Schleifen und ermöglicht weitreichende Ausblicke gen Osten Süden und Westen.  Mit jedem Kilometer eröffnen sich neue Sichtachsen in das mittlere Mairatal. Bald erblickt man vom weitem die markante Kirche von Sankt Martino Superiore.  Kurz danach ist der Weiler Caudano erreicht, dort wo in der Ortsmitte ein 600 Jahre altes Lazarett, welches im Mittelalter auch als Pestasyl genutzt wurde das Erscheinungsbild der Kommune prägt. Das Bellen eines einsamen Hundes, eine alte Frau die in einem Gärtchen ihre Pflanzen gießt und das Plätschern des Brunnens bleiben die einzigen erlebbaren Spuren vorhandener Zivilisation.

Langsam erreicht die Sonne auch den letzten Winkel im Tal
Urwüchsige historische Pfade, seinerseits die einstige Verbindung, die von Mensch und Maultier genutzt werden konnte.
Bunt das Treiben am Wegesrand..
Makellos blau der Himmel, satt Grün das Umfeld…
…und es blüht in allen Ecken…
immer höher schrauben sich die alten Verbindungswege…
ob Einer….
ob Zwei…..
oder ganze Scharen, Schmetterlingsfreunde kommen hier auf ihre Kosten…
….genauso wie die Freunde gepflegter Steigungen….
…bald ist der erste Kamm erreicht….
…und die Wanderstöcke ruhen sich auch einmal gerne aus
Ein Blick Richtung Talende zu den französischen Alpen
…und nebenan erfrischende Wasserspiele
Ortsmitte Caudano, rechter Hand das alte Pesthaus

So geht es weiter taleinwärts zur Kirche San Peyre, die an einem Felssporn gelegen einen idealer Rastpunkt darstellt. Von hier aus kann man hervorragend die Gebirgslandschaft des Mairatals studieren. Richtung Talboden schlängeln sich kleine Weiler an Weiler, punktuell verstreut die obenliegenden Häuseransammlungen, die meisten davon marode und verlassen, gegenüber liegend der sichtbare Taleinschnitt des Nachbartals Valle Grana bis hin zu den entfernt liegenden ligurischen Gebirgszügen – ein visueller Vorgeschmack auf die Ausblicke der nächsten Exkursionstage.

Stilleben am Stall in Caudano
und schon vom Weiten auszumachen: San Peyre
…Farbenfrohes am Wegesrand
Auch beeindruckend: die Blicke abwärts in das Tal
Wanderparadies Valle Maira
Blumenparadies Valle Maira
Vorbei an einem gepflegten Weiler mit restaurierten Anwesen

Naturbelassen die Pfade, in Höhensenken steht die bei hohen Temperaturen die Luft, Insektengeschwader begleiten uns permament als Preis für den noch vorhandenen Bergfrühling. Auf der anderen Seite bereichern immer wieder Schmetterlingsschwärme das Wandererlebnis.  Bald ist San Martino Inferiore erreicht. Hier endet normalerweise nach 15 Kilometern die erste Etappe, jedoch nicht für uns. Mit der Zielsetzung eine tagesfüllende Wanderung zu absolvieren, geht es weiter Richtung Elva. Knapp drei Stunden Gehzeit und noch mehr als 600 Höhenmeter im Anstieg sind von hier aus einzuplanen.

Das Angebot an Wanderwegen ist durchaus vielfältig
Ankunft in San Martino…
….auch in den Ortschaften kann man an Höhe gewinnen

Durch den Colle Bettone führen immer wieder steile Abschnitt aufwärts zum Colle San Giovanni. Neue Perspektiven eröffnen sich von hier oben. Linker Hand blickt man hinab auf die spektakuläre Elvaschlucht, auf zwölf Uhr gelegen blitzen die ersten Felswände der französischen Alpenkette durch, nordwestlich streckt sich die über 3.000 Meter hohe markante Spitze des Monte Chersogno in den Wolkenverbund und nördlich begrenzt ein über 2.400 Meter hoher grünbewachsener Gebirgszug das Mairatal, auf dessen Grat man in das Valle Varaita hinabblicken  könnte.

Weitreichende Aussichten auf dem Kamm vor Elva
aber auch die Nahblicke begeistern immer wieder

Vom Colle San Giovanni geht es hinab nach Elva, ein berühmt-berüchtiger Gebirsort.  Elva hatte einst Weltruf. Armutsbedingt zogen Barbiere durch die Landstriche, schnitten den hier lebenden Frauen gegen Geld die dichten Haare ab, die zu kunstvollen Echthaarperücken verarbeitet wurden. So schmückten sich amerikanische und englische Richter mit Perücken aus Elva. Die Haare, die die Haarsammler einkauften wurden fiskalisch nicht als  steuerpflichtige Ware angesehen. So wurde in Elva per se keine Steuer entrichtet. Elva in Italien bald den Ruf, die ärmste Gemeinde des Landes zu sein, da nach den kommunalen Gepflogenheiten keine Steuer entrichtet wurde. Heute kann man die Geschichte rund um das Haar in einem kleinen Dorfmuseum besichtigen. Legendär auch die Geschichten die sich um das gemeindliche Leben ranken. Zwischenmenschliche Probleme wurden grundsätzlich selbst gelöst, Polizeieinsatz war weder erwünscht noch erforderlich.

Diese Dachziegel fliegen nicht so leicht weg
Die okzitanische Flagge – stolzes Symbol dieser Region
Sehr zu empfehlen „Birra Moretti“ ein herrliches Wanderbier, erhältlich an der Zwischenstation in Elva
Blick auf die berühmte Kirche von Elva
Opulent gestaltet das Eingangsportal der Kirche
Die im ausgehenden 15. Jahrhundert entstandenen Chorraumfresken werden dem niederländischen Wandermaler Hans Clemer zugeschrieben.

Nach guten 26 Kilometern und 1.715 Höhenmetern ist die erste Etappe absolviert. Zwei Kilometer außerhalb von Clari erwartet man uns in der Posta Tappa L,Artisan. Mit einer kreuzehrlichen okzitanische Küche beenden wir einen ereignisreichen aber auch anstrengenden Wandertag.

Das Tagesendziel ist gut ausgeschildert
Prachtvolles Bergpanorama Richtung Clari
Die Unterkunft L,Artisan in Clari, direkt am P.O. gelegen.

Dienstag, 4. Juli 2017 08.15 Uhr

Es kostet schon Überzeugungskraft den Betreiber des Posta Tappas davon zu begeistern, bereits vor 08.00 Uhr mit dem Frühstück zu starten. Wunsch war 07.00 Uhr, man einigt sich auf 7.30 Uhr. Ursprünglich geplant war eine Schleife außerhalb des offiziellen P.O. und  Aufstieg zum 3.000 Meter hoch gelegen Monte Chersogno. Jedoch die Einsicht, dass angesichts eines dichten Wolkenverbundes oberhalb von 2.400 Meter Höhe eine Besteigung des markanten Gipfels nicht zweckmäßig ist  und alternativ der klassische Gang auf dem Percorsi Occitani Richtung San Michele als Entspannungswanderung nach einem anstrengenden Wandertag eine durchaus sinnvolle Alternative ist, starten wir am zweiten Tag auf dem ausgeschilderten P.O. Weg mit Hauptrichtung Ussolo.

Vom Weiler Clari führt die Passage auf einer Teerstraße zunächst nach Chiosso Superiore. Hier am Talende hat man zwei Möglichkeiten. Entweder hinauf zum Monte Chersogno, oder dem klassischen P.O. Richtung Colle San Michele folgend und zwar steil – sehr steil hinauf. Dank dichtem Lärchenbewuchs ist man am Nordhang abgeschirmt vom Sonnenbeschuss,  jedoch der Anstieg auf 2.000 Höhenmeter ist schweißtreibend, zudem an diesem Tag auf dieser Höhe des Thermometer über 21 Grad klettert. Am Colle San Michele wählen wir eine Variante. Einer Empfehlung der Wanderexpertin Bruna Sardi aus Macra folgend, haben wir im Ortsteil Allimandi im Agritourismo Chersogno eingebucht – im Nachgang eine folgerichtige Entscheidung.

Morgendliche Orientierung vor dem Start
Vorbei an Chiosso Superiore
Selbst in entlegenen Winkeln ist die Markierung ordentlich
Valle Maira pur
Valle Maira pur II
..und in der Nahbetrachtung auch eine Augenweide
Prächtige Grasbüschel säumen den Wanderweg
Nach einem schweißtreibenden Aufstieg ist der Colle S. Michele erreicht
Anfang Juli mithin die beste Zeit für einen erlebbaren Bergfrühling
Das Ziel Allemendi vor Augen
Blick vom Elvatal hinüber in das Mairatal
Al Chersogno – eine hervorragende Adresse

Angesichts der kurzen Strecke erreichen wir schon zu früher Mittagsstunde Allimandi. Die beste Gelegenheit um abzusteigen nach St.Michele, dort wo man allerbestens in der regional bekannten Locanda La Tano di Griech einkehren kann.  Der Abstieg nach S. Michele – ein Brutalabstieg wenn man den Spuren des Trampelpfades folgt. Die Locanda selbst ist in einem reich geschmückten historischen Haus untergebracht und ein sehenswerter Pendant zur schräg gegenüber befindlichen Kirche, die ebenso über ein farbenfrohes Hauptportal verfügt.  Zur Mittagszeit wird das Restaurant von Einheimischen und Handwerkern aus der Region frequentiert – ein gutes Zeichen dafür, dass man hier richtig aufgehoben ist. Nach einer ausgedehnten Mittagsrast entscheiden wir uns auf der etwas längeren Asphaltschleife in das 150 Meter höher gelegene Allimandi zurückzukehren, um den Tag im Agriturismo Chersogno ausklingen zu lassen.

Die prächtige Kirche von San Michele
Und nebendran La Tano di Griech – untergebracht in einem historischen Gebäude

Das Anwesen ist sehr gepflegt und mit viel Liebe zum Detail instand gesetzt. Stolz – und das zurecht-  zeigt uns der Seniorchef in einer Bilderserie die zehnjährige! Restaurations- und Erweiterungsarbeiten. Abends erwartet uns ein hervorragendes fünfgängiges Menü, wobei man angesichts der Portionen vermuten könnte, dass am Folgetag eine Marathonwanderung ansteht. Zum Finale ein Brand aus der Region, ein Genepy – ein Destillat aus einer Edelraute die auf 1.600 Meter Höhe wächst, mit dem Anmut einer reinigenden Kräutermedizin. Mit geruhsamen 15 Kilometern und überschaubaren 758 Höhenmetern, unterlegt mit einer genußreichen Verpflegung, endet dieser abwechslungsreiche Wandertag.

Einer von vier Gängen – hausgemachte Pasta mit einem Kräutersud garniert – Kraftnahrung für Weitwanderer
Abendlicher Blick auf den Monte Chersogno
..Und am nächsten morgen sieht die Welt schon freundlicher aus…..

Mittwoch, 5. Juli 2017 08.00 Uhr

Nach dem Müßiggang des Vortages  ist heute wieder Arbeit am Berg angesagt. Lagebedingt wird ein Wegevariantenwechsel eingeplant. Statt wie ursprünglich vorgesehen in das 1.000 Meter tief gelegene Stroppo hinabzusteigen, um anschließend wieder auf den 2.050 Meter hohen Pass Punta Culour zu steigen, heißt es zunächst zurück nach Castiglione, um von hier aus permanent aufwärts steigend den Pass zu erklimmen. Traumhaft die Pfade, ringsherum explodiert die Pflanzenwelt, jedoch eine Hitzeglocke legt sich über den Piemont mit der Konsequenz, dass oberhalb von 2.000 Höhenmetern mehr als 22 Grad gemessen werden.

Die Elektrozaunspezialisten….
und im Nadelwald geht es auch voran
Auf dem Weg Richtung Saretto….
hart Kante gegen das Licht
Die Wegekennzeichnung frisch gepinselt zum Beginn der kurzen Wandersaison (Mitte Juni bis Mitte September)
Und immer wieder stößt man auf alte verlassene Bauten
Eine wunderbare Wegestruktur
Blick auf die gegenüberliegende Seite, dort wo die Straße vom Elvatal hinab nach Stroppo führt
und rechter Hand blickt man Richtung Talende
Es grünt so grün, auch oberhalb von 2.000 Metern….
..angereichert mit einer bunten Pflanzenwelt
auch diese Hütte ist schon seit längerem nicht mehr in Betrieb….
..unterwegs auf alten Pfaden
..garniert mit frischen Pflanzen

Nach vier  Stunden ist der höchste Punkt der Tour geschafft. Auf den Weg Richtung Saretto eröffnen sich weitreichende Sichtachsen über weite Agrarflächen, bevölkert von zahlreichen wohlgenährten weißen piemontesischen Rindern. Beeindruckend auch die Panoramablicke in das tief unten gelegene Acceglio im Herzen des Mairatals. Bald ist die Höhenkirche San Maurizio erreicht. Einer nachfolgende Geröllpassage am Hang, die eine kostenlose Fußzonenreflexmassage ermöglicht, ist nach einer Stunde das knapp 1.600 Meter hoch gelegene Saretto erreicht.

Let,s have a break:  Während der eine die Aussicht genießt…
..macht der andere isometrische Übungen….
..beziehungsweise einen Powernapp…
Nach der erholsamen Rast geht es wieder hinab in das Tal
..die Hütten werden in der Almsaison hochgradig dekoriert
Die Kapelle San Maurizio

Direkt am Weg stößt man auf die bekannte Locanda die Diego. Das Restaurant wird auch gerne von der heimischen Bevölkerung frequentiert – gut besetzt daher auch das urgemütliche in einem Felskeller eingearbeitete Restaurant. 23 Kilometer und 1.321 Höhenmeter auf aussichtsreichen Pfaden machen hungrig. Eine schmackhafte bodenständige okzitanische Küche schließt diesen ereignisreichen Wandertag ab.

Erzhaltiges Gestein im Sonnenlicht
Locanda die Diego in Saretto
Und im Speisezimmer lässt es sich vortrefflich speisen

Donnerstag, 6. Juli 2017 08.00 Uhr

Wenn man wollte könnte man über Chiappera zum Talende, dem Campo Base,  und auf der anderen Talseite weiter Richtung Viviere wandern – wollen wir aber nicht. Campo Base, Sammelpunkt für Camper, Radfahrer Mopedfahrer und Grenzgänger, ein abschreckender Rummelplatz und besonders störend wenn man die Stille des Valle Maira genießen möchte. So fiel bereits bei Tourenplanung die Entscheidung leicht, von Saretto direkt in die Hochebene Gardetta einzutauchen mit Endziel  La Meja.

Man quert Saretto um auf der anderen Talseite an einem schön angelegten Campingplatz einzusteigen um den  Höhenzug  Colle Ciarbonet  auf 2.206 Höhenmeter gelegen zu erklimmen. Prädikat der Wegesführung:  „Spektakulär“  Felsdurchsetzte Pfade, kleine Erdhügel die mit Langgräser bewachsen sind, naturbelassene Wege mit abwechslungsreichen Passagen – die Textur des Weges lenkt fast davon ab darüber nachzudenken, dass man sich permanent aufwärts bewegt. Nach eineinhalb Stunden ist der Colle erreicht. Von hier aus gilt: Perspektivenwechsel.

Start in Saretto auf 1.500 Meter Höhe
Blick zurück in das Talende und das untenliegende Saretto
Urigste Pfade – ein Genuß für jede Wanderseele
Sieht gut aus – aber die Bergarbeit gegen das Licht strengt auch an
Ein Lärchenparadies
Nach 700 Höhenmetern ist der Colle Ciarbonet erreicht

Auf alten Militärstraßen geht es von an in Schleifen zunächst abwärts auf 1.800 Meter Höhe. Auf den gegenüberliegenden Flanken kann man die Höhenzüge der Nachbartäler Valle Grana und Valle Stura erblicken.  Oberhalb von Pratorotondo und Viviere bietet sich eine kleine Stallung als idealer Rastpunkt an, bevor es in brütender Hitze zum Tagesschlußanstieg  zum 2.416 Meter hoch gelegenen Passo delle Gardetta geht.

Abwärts geht es auf alten Militärstraßen
In dieser Region explodiert es auf den Wiesen
und die Pfade schlängeln sich abwärts auf 1.800 Meter
Für Botaniker ist dieses Areal schlichtweg ein Traum…
Man merkt auch am Pflanzenbewuchs, wie wasserreich diese Region ist
Langsam geht es wieder bergauf
…mit einem faszinierenden Bergpanorama
Neben den Schneeresten ist eine der Verteidigungsanlagen zu sehen
Das Pflücken dieser Pflanzen…
…sollte man tunlichst unterlassen

Auf dem Weg nach oben passiert man alte Bunkeranlagen, die damals zu Verteidigungszwecken errichtet wurden. Nach eineinhalb Stunden ist die Hochebene Gardetta erreicht und es eröffnet sich ein neues Sichtfeld mit dem markanten Solitär Rocca la Meja im Mittelpunkt. In zehn Minuten ist von hier aus die Posta Tappa Gardetta erreicht. Das Gebäude ist in einem ehemaligen Kasernentrakt untergebracht, welches 1991 restauriert wurde. Das Areal liegt in exponierter Lage und ist ein beliebter Treffpunkt für Wanderfreunde und Mountenbiker, die hier einen idealen Rast- bzw. Tagesendpunkt vorfinden.

Geschafft – Ankunft am Passo della Gardetta
Einzigartig der Blick über die Hochebene der Gardetta mit dem gleichnamigen Rifugio im Vordergrund und dem mächtigen Rocca la Meja
Dieser Combo scheint es wirklich gut zu gehen
..und wenn es was zum Futtern gibt ist die Welt perfekt…
..anschließend eine kurze Wellnessübung
Nach der Pause ist vor der Pause… los gehts Richtung La Meja

Wir genießen bei einem guten italienischen Wanderbier die Aussichten bevor wir zum Tagesziel, der Posta Tappa Las Meja, am Fuße des Rocca la Meja aufbrechen. Hier bewirtschaftet die Familie Colombero seit 1991 das Agrartourismo. Weit über die Grenzen des Tals hinaus bekannt sind die Kochkünste von Mama Giovanna – aus diesem Grunde ist auf Fälle La Meja dem ein Stunden entfernten Rifugio Gardetta vorzuziehen.  Bei einem Gläschen Genepy komme ich abends ins das Gespräch mit einem Sohn von Giovanna. Er berichtet, dass Politiker darüber nachdenken, die hier befindlichen Wirtschaftswege an Wochenenden für den Autoverkehr zu öffnen. Wir sind uns darüber einig, dass solch eine Entwicklung verheerend wäre für die grundsätzliche infrastrukturelle Entwicklung unter dem Signet eines sanften Tourismus.

..best of wandern……
Strategisch günstig gelegen die Posta Tappa La Meja
Und abends gibt es eine strategische Unterweisung zum Thema Genepy

Freitag 7.Juli 2018 08.00 Uhr

Nach einem für italienische Verhältnisse ungewohnt  variantenreichen Frühstück starten wir wie üblich am frühen Morgen mit einem moderaten Anstieg hinauf zum 2.420 Meter hoch gelegenen Colle Margherina.  Hier verlassen wir den Percorsi Occitana um dem GTA Richtung Castelmagno im Valle Grana zu folgen.  Wir stoßen hinter dem Grat auf die Kasernenruinen von Bandia und begegnen Gedenkstätten für Kriegsopfer.  Auf einem drei Kilometer langen Abschnitt ist nun alternativlos Asphalteinsatz angesagt, kein Vergnügen bei Temperaturen oberhalb von 21 Grad auf 2.400 Meter Höhe. Am Colle dei Morti tummeln sich Rad- und Mopedfahrer. Auf der Passhöhe  befindet sich eine Steinskulptur  für den  italienischen Radrennfahrer Marco Pantani. Am etwas unterhalb gelegenen Colle del Vallonetto steigen wir auf einen Alpenhöhenweg ein und genießen ein spektakuläres Alpenpanorama. Nordwestlich dominiert der mächtige Monte Viso, der höchste Berg der Cottischen Alpen.

Ein wolkenloser Himmel zum Tagesstart
Wanderer und Radler heutet Euch für den Herdenschutzhunden
Ein Blick zurück auf La Meja
Fast apokalyptisch das Grashangszenario im Morgenlicht
Das Areal um La Meja – bestes Weideland für die piemontesischen Rinder
..und hier haben die Vierbeiner Vorfahrt
Neue Aussichten am Colle Margherina
Hier oben findet man eine Vielzahl alter Militärgebäude…
..einschließlich der Gedenkstätten…
An der Caserme della Bandia
Weitläufig das Areal auf 2.400 Meter Höhe
Alternativlos – knapp drei Kilometer geht es auf Asphalt weiter
..das ist auf dem Bodenbelag die bessere Variante
Colle dei Morti – hier haben schon tausende von Radler diesen Anstieg verflucht

Nach der ausgedehnten Höhenwegspassage geht es steil abwärts, immer dem GTA folgend. Nun befinden wir uns im Valle Grana. Schon vom weiten kann man das berühmte Kloster San Magno erblicken. Doch zunächst führen sehr steile Serpentinen durch die gras- und steindurchsetzten Flanken hinab Richtung Castelmagno. Abstiege sind oftmals beschwerlicher als Aufstiege – in diesem Fall trifft es allemal zu.  Das Kloster Castelmagno ist mehr als 1.000 Jahre alt und ein berühmter Wallfahrtsort und  entstand auf den Resten eines antiken römischen Tempels. Besonders sehenswert ist die alte Kapelle, die sich hinter dem Altar befindet  mit den instand gesetzten Fresken.

Der absolute Schilderwahn
Wahnsinn auch die Ausblicke auf dem Alpenhöhenweg
Hier sollte man sich auch für ein Päuschen die Zeit nehmen
und weiter geht es durch ein wahres Blütenmeer
Oberhalb der berühmten Klosteranlage
Castelmagno
Das Eingangsportal des Klosters
..die alte Kapelle – ein Juwel historischer Kirchenkunst

Aber nicht nur durch das Kloster sondern auch durch den berühmten Castelmagnokäse  ist die Ortschaft weit über die Landesgrenzen bekannt. Der Käse wird aus Kuhmilch mit Beigabe von etwas Schafs- oder Ziegenmilch hergestellt, deren Fett abgeschöpft wird. Auf Empfehlung von Bruna Sardi aus Macra (mille mille gracie Bruna!) haben wir uns für das seit drei Jahren eröffnete Rifugio Le Meiro in Castelmagno entschieden. Hier wird übrigens auch der Castelmagnokäse produziert, der als erster italienischer Käse das Gütesiegel D.O.P. erhalten hat.

Abwärts geht es zum Rifugio La Meiro
Auch eindrucksvoll das Wolkenszenario am Abendhimmel

Wir erhalten eine exklusive Führung in die Reifekeller, dort wo der Castelmagnokäse gehegt, gedreht und gewaschen wird. Innerhalb des ersten Jahres verliert ein Sieben-Kilokäselaib 15% seines Gewichtes, was unter anderem auch den hohen Preis für den Delikatesskäse alimentiert. Die Krönung des Tages ist das Abendessen. Sechs fulminante Gänge, erlesene Speisen mit Kräuter und Zutaten die in der Region wachsen (so ließ es sich der Küchenchef nicht nehmen aufgrund einer Nachfrage welche Zutaten er für ein  Kräuteromlett verwendete in den Garten zu steigen um fünf Minuten später die eingesetzten wohlriechenden Kräuter am Tisch im Original zu präsentieren), dazu eine passende Weinempfehlung (ein fünf Jahre alter piemontesischer Langhe Nebbiolo). Kurzum ein perfekter Ausklang für eine gelungene Genußwanderung.

Im Rifugio wird so ziemlich alles selbst produziert…
..im Mittelpunkt steht dabei der berühmte Castelmagnokäse
Sechs Gänge zum Abend – einfach ein Gedicht…
..mit passender liquider Begleitung wird aus dem Gedicht ein Traum….

Samstag 8. Juli 08.00 Uhr

Auch zum Frühstück überrascht uns der Küchenmeister mit einer regionaluntypischen Variante – Rührei mit Speck, optimale Grundlage für eine nochmals anstregende Tour zurück nach Macra. Am heutigen Tag steht ein knackiger Anstieg und der längste Abstieg mit knapp 1.527 Höhenmetern auf der Agenda, das Ganze unterlegt mit Temperaturen von bis zu 32 Grad in der Spitze. Bereits am Vorabend wurde uns angeboten das wir mit dem Auto zum 150 Meter höher gelegenen Kloster San Magno gefahren werden, was wir aus moralischen Gründen jedoch ablehnen.

So starten wir bestens präpariert um dem GTA folgend hinauf zum Kloster zu steigen, wo wir uns am dortigen Brunnen mit Klosterwasser versorgen. Bereits um 8. Uhr zeigt das Termometer auf 1.900 Meter Höhe 21 Grad an – Tendenz steigend. So geht es auf steilen Pfaden  in praller Sonne aufwärts zum Monte Grosetta. Trotz hohen Temperaturen erreichen wir zügig die Anhöhe um von hier aus die gegenüberliegende Flanke zum Grand Serra in Angriff zu nehmen. Die Wildblumen sind hier regelrecht explodiert, entsprechend begleiten uns Geschwader von Insekten auf den nächsten Kilometern.

Aufstieg zum Kloster Castelmagno
Auf den Spuren alter Mönche…
Licht- und Schattenspiele am Klostergelände zu früher Morgenstunde
Gnadenlos brennt die Sonne am frühen Morgen
Nicht mehr wirklich brauchbar die alten Wegweiser…
…glüchlicherweise gibt es Ersatz
und es wird hart am Berg gearbeitet
Oben am Pass weht zumindest eine leichte Prise bei gefühlt 36 Grad

 

Man merkt dem Streckenverlauf an, dass diese Passage seltener begangen wird. Am Monte Bastia ist der Scheidepunkt erreicht – von nun an geht es bergab. Die Höhenzüge der Cottischen Alpen, allen voran die des Valle Maira und Valle Varaita bauen sich auf der gegenüberliegenden Seite mächtig auf.  Extrem steil die tief absteigenden Flanken die sich unmittelbar am von uns begangenen Grat befinden. Jedoch die Streckenführung ist in toto gut gangbar.

Auch in den höheren Regionen blüht es kräftig
Und dieser Geselle fühlt sich sichtlich wohl…
..kein Wunder – hier ist das Paradies
Gegenüber streckt sich der Monte Viso hoch
Während der eine sich mit Fliegen plagt…
..macht der andere Gymastikübungen….

 

Nach einem  steileren Abschnitt am Grand Fumei geht es auf moderaten Wegen abwärts Richtung Castellaro. Die Zahl der Brunnen nimmt zu, gute Gelegenheit Frischwasser aufzunehmen. Gegen 14 Uhr erreichen wir Celle di Macra und nutzen die Gelegenheit vor dem Schlußanstieg einzukehren, um ein erfrischendes Wanderbier aufzunehmen. Der Rest der Passage – eine 90minütige Kür. Auf naturbelassenen Passagen stoßen wir hinter Celle di Macra wieder auf den Percorsi Occitani um dann parallel mit dem Bedale di Celle, der in der Maira entwässert, abzusteigen nach Macra.

Guter Hinweis: Carpe diem
Abwärts geht es Richtung Celle di Macra
Kurzs vor Schluß – aber noch kreuzfidel nach 128 Kilometern und mehr als 7.000 Höhenmetern
Celle di Macra
Noch eine gute Stunde geht es abwärts bis zum Endpunkt Macra

Nach sechs spannenden Wandertagen mit 128 abwechslungsreichen Kilometern und 7.142, mitunter schweißtreibenden. Höhenmetern, haben wir unseren Ausgangsort Macra wieder erreicht. Herrliche Wegestrukturen, fulminante Ein- und Aussichten auf jeder Passage, eine naturbelassene Region – gangbar gemacht auf historischen Pfaden, wunderbare Herbergen, gastfreundliche und zuvorkommende Menschen, eine ausgezeichnete okzitanische Küche, eine reiche und bewegende Geschichte in einer dünn besiedelten Region, ein schmackhaft weiches Gebirgswasser  – das alles zeichnet das Mairatal aus. Bleibt zu hoffen, dass hier und in den angrenzenden Nachbartälern die moderate touristische Entwicklung in Form des „sanften Tourismus“ bewahrt werden kann. Valle Maira – eine besondere Empfehlung für alle Wanderfreunde mit Genußambitionen, die sich abseits des Mainstreams bewegen wollen. Fortsetzung in dieser Region – nicht ausgeschlossen. Möglichkeiten neue „alte Wege“ zu beschreiten gibt es hier zur Genüge.

 

 

 

 

 

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