Walking for future

Steinheim, den 4. Januar 2020 –

Kein Thema polarisierte in 2019 mehr als die Vielzahl der …for Future-Bewegungen mit „Friday for Future“ an der Speerspitze. „Walking for Future“ als Leitthema zum Start in ein neues Wanderjahr – kein Alibibeitrag sondern eine Anregung zur Weiterentwicklung der natürlichsten Bewegungsformen des Menschens unter Schärfung der persönlichen Achtsamkeit.

Thematisch begünstigt die seit 2011 eingerichtete Klimaroute des Regionalparks Rhein Main sich wandernd mit den vielschichtigen Aspekten der Klimaveränderung auseinanderzusetzen. Entwickelt wurde die Klimaroute entlang des Mains mit Designern und Künstlern der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, die sich auf kreative Weise der Visualisierung von Klimaphänomenen widmeten. Unterstützt durch Planer und Umweltexperten der umliegenden Städte und dem Deutschen Wetterdienst war es ein Anliegen komplexe naturwissenschaftliche und gesellschaftlichen Themen des Klimawandels verständlich zu machen.

Obschon die Klimaroute offiziell in Mühlheim-Dietesheim einsetzt, lohnt ein Einstieg an der S-Bahn-Station des Hanauer Stadtteils Steinheim um das neue Jahr mit einem Wandermarathon starten zu können. Von der S-Bahn-Station sind es einige hundert Meter bis zum Main, der thematisch diese Tour begleiten wird. Noch in den siebziger Jahren galt der Fluss mit einer Wasserqualität „Gewässergüteklasse IV“ als einer der am stärksten verunreinigten Flüsse Europas. Auch wenn sich im Laufe der Jahre die Qualität verbessert hat – baden im Main bleibt weiterhin ein sommerlicher Traum. Angler dagegen stufen den Verzehr von im Main lebenden Fischen als unproblematisch ein, da die Schadstoffkonzentration für den gelegentlichen Verzehr unbedenklich seien. Fraglich könne es höchstens bei sehr alten Fischen werden, (die ältesten Fische sind in etwa 20 Jahre alt), da diese noch die Schadstoffe früherer Zeiten in sich tragen.

Vorbei am Campingplatz Nidda kann man die gegenüberliegende Schokoladenseite von HanauKesselstadt bewundern, dort wo seit dreihundert Jahren Schloß Philippsruhe die Flußpanorama in einer besonderen Art und Weise prägt. Zur Errichtungszeit des Schlosses machte der Main noch was er wollte. Hochwasser nahm den Bauern oft wertvolles Land weg und spülte es andernorts wieder auf. Manchmal waren ganze Dörfer von den Flussverlagerungen bedroht. Auch gefährdete er die Schifffahrt: Schnell wechselnde Wasserstände, wandernde Flachstellen, Versandung und Inselbildung erschwerten den Schiffern, eine ausreichend tiefe Fahrrinne zu finden. Ökologisch stabil – ökonomisch problematisch so die Mainbilanz vor dreihundert Jahren.

Der nächtliche Vorhang lichtet sich langsam über Schloß Philippsruhe
Sich ausbreitende Misteln sind nach Einschätzung des NABU,s deutliche Zeichen des Klimawandels

Dem Main flußaufwärts folgend geht es vorbei an der Staustufe Mühlheim – eine von insgesamt 34 Mainstaustufen. Die Umweltschutzorganisation BUND sieht dies sehr kritisch. Der Transport von Geschiebe wie Geröll, Kies und Sand am Gewässergrund wird unterbrochen, unterhalb der Staustufen gräbt sich das Gewässer immer tiefer in sein Bett. Fluss- sowie Grundwasserpegel sinken.

Eine von 34 Mainstaustufen die von Klimaschützern als ökologisch bedenklich eingestuft werden
Bis 2050 soll die CO2-Emission am Frankfurter Flughafen auf „Null“ sinken – sagt Fraport

In den vierunddreißig aufgestauten Flussabschnitten erwärmt sich zudem das Wasser stärker als im frei fließenden Gewässer. Fische verenden und eine erhöhte Algenbildung ist zu verzeichnen. Zudem bildet sich nach Expertenaussage im sauerstofffreiem Milieu Methangas, das 25- bis 33-mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid. So beschäftigt sich die erste Station der Klimaroute in MühlheimDietesheim mit dem Klimawandel und deren Auswirkung auf den Fischbestand im Fluß. Dass die Fischerei im Main nur noch wenig Bedeutung hat, ist vor allem auf den Ausbau des Flusses zur Wasserstraße zurück zu führen.

Informativ ausgestaltet sind die einzelnen Stationen der Klimaroute
An der Spundenwand sind die bedeutendsten Fischarten des Mains aufgeführt – die obere Tafel, die einst die Staustufen abbildeten ist nur noch teilweise vorhanden

Vorbei am Schloß Rumpenheim und den nachfolgenden Kiesgruben folgt man der ausladenden Mainschleife nach Bürgel um dort die nächsten Klimastationen namens „Flussvögel“ und „Flussatmosphäre“ zu erreichen. Daß der Klimawandel auch das Leben der Vögel am Fluß beeinträchtigt ist keine neue Erkenntnis. Wärmere Durchschnittstemperaturen beeinflussen ihr Nahrungsangebot, extremere Wetterbedingungen wie Stürme und Starkregen erschweren zudem den Vogelzug und beschädigen Brutplätze. Nebenan thematisiert die Station Flussatmosphäre die Folgen von Schadstoffeinträgen über die Atmosphäre in Flüsse. Der begehbare Steg symbolisiert dabei die verschiedenen Atmosphärenschichten des blauen Planeten Erde, von der Troposphäre Bis zur Thermospähre.

…und am Ende…………..
Biber sind ökologische und hydrologische Taschenmesser und können nach einem Bericht von National Geographic als Geheimwaffe gegen Klimaschäden eingesetzt werden
Das symbolisierte Vogelnest auf einem ehemaligen Stromnest soll die Bedeutung der Vögel für den Fluß veranschaulichen.
Flussatmosphäre: Ein Steg führt „hinauf“ zu den höher gelegenen Schichten der Atmosphäre

Bürgel ist die Eintrittspforte zum gewaltigsten Industriepark- und Hafenareal der Großstädte Offenbach und Frankfurt. Thematisch passend hat man das Offenbacher Mainufer mit dem beiden Themen „Flusskultur“ und „Flussstadt“ bereichert. Am Offenbacher Mainuferpark zeigt die Panoramatafel „Fatamorama“ das gegenüberliegende Flussufer mit seiner Vegetation. Abgebildet ist eine kreative Bildcollage aus der Gebirgskette des Hindukusch und der Mainlandschaft. Frei nach dem Motto: Klima kennt keine Grenzen, schon gar keine geographischen – Aspekte die noch heute manche Politiker aus anderen Herren Länder offensichtlich ignorieren.

„Klima kennt keine Grenzen – so die Kernbotschaft dieser Collage, die den Main einerseits und die Gebirgskette des Hindukusch abbildet. So gesehen könnte gelten: „Wir verteidigen unser Klima auch am Hindukusch….“
Eine Erkenntnisse, die noch nicht in allen Köpfen gelandet ist….

Die zweite Offenbacher Klimastation ist als eine Art Zentralstation der Klimaroute eingerichtet worden. Auf mehreren Tafeln wird über die Zusammenhänge zwischen Main, dem Stadtklima und dem globalen Klimawandel, dessen Folgen auch regional und lokal spürbar sind informiert.

Die Zentralstation: Ein Freiluftklassenzimmer rund um das Thema Klimawandel
Ein Methapher zum Thema: die unzulängliche Infrastruktur des öffentlichen Nahverkehrs
Hier ist der Klimawandel eindeutig ablesbar……

“Im gemütlichen Café Vienna lassen Sie es sich bei einem Stück Sachertorte und einer österreichischen Kaffeespezialität so richtig gut gehen. Danach unternehmen Sie einen kleinen Spaziergang auf dem weitläufigen Sonnendeck des Schiffes, bevor Sie sich in einem Liegestuhl zurücklehnen.“ – so das Werbeprospekt der Reederei – unterdessen blubbert der Dieselgenerator des vor Anker liegenden 135 Meter langen Flusskreuzfahrtschiffes munter an der Klimaroute vor sich hin……

Mehr oder minder fließend gestaltet sich der Übergang von Offenbach nach Frankfurt. Lediglich der Kaiserleikreisel, der sich derzeit im Umbau befindet, trennt optisch die beiden Mainstädte. Seit 1999 gibt es den Kaiserleivertrag, wonach Frankfurt ein Drittel und Offenbach zwei Drittel am Offenbacher Stadtteil Kaiserlei hält. Ein Kreisel der zwei verfeindete Städte verbinden soll..die Quadratur des Kreises….

Die Eiswaffeln werden auch immer kleiner….. Probierdreingabe zum Cappuccino am Neuen Hafen in Offenbach
Großstadtspagat: Offenbacher Hafenneubebauung versus gewachsener Schrebergartenkultur
Zeitgeistbotschaften am Offenbacher Hafengelände
Zeitgeistmessage II
Zeitgeistbotschaft III
Megaout: Umweltferkelwerke am Kaiserlei

Zugegeben – wenn man Frankfurt von Osten her erschließt dann beeindruckt der Blick auf die Frankfurter Skyline allemal. Bankfurt, Krankfurt… Begrifflichkeiten die in den Siebzigerjahren den Ruf der Stadt prägten. Mittlerweile hat sich die Mainmetropole deutlich gewandelt. Mainhatten ist eine der aufstrebenden Metropolen in Europa. Sicherlich hat auch die Ansiedlung der Europäischen Zentralbank hierzu einen wesentlichen Beitrag geleistet. Immerhin hat die neue EZB-Präsidenten signalisiert Klimarisiken in den Fokus der Finanzpolitik zu stellen, was Aktivisten noch nicht weit genug geht, die die EZB auffordern Anleihen klimaschädlichen Konzerne abzustoßen. Daher weht ein scharfer Wind. Zufall oder nicht. Just am Mainufer vor der EZB ist die nächste Station der Klimaroute, diesmal auf der anderen Mainseite, namens „Flusswind“ eingerichtet. Die grünen Freiräume des GrünGürtels und des Mainufers sind wichtige Kaltluftentstehungsflächen. Im Hafenpark, just an der EZB, wirken der Flusswind, die Verdunstungskühle des Wassers und die Kaltluft des Parks zusammen. Hier geht stets ein leichter Wind und es ist etwas kühler als an dicht bebauten Orten. Luftschneisen zwischen der Bebauung können die hochsommerlichen Temperaturen reduzieren, die in den Städten durch den Wärmeinseleffekt entstehen und warme Stadtluft wieder ableiten.

Die Station „Flusswind“ im Schatten der EZB – die biegsamen Stahlhalme sind ununterbrochen in Bewegung
Erst einmal sortieren aus welcher Richtung der Wind weht…..
Klimafreundliche Fortbewegungsmittel haben in Frankfurt einen schweren Stand. 23 Radfahrer sind in der Mainmetropole in den letzten zehn Jahren um das Leben gekommen. Ghost Bikes wie dieses erinnern an die Unfallstellen.

Den Osthafenbebauung verlassend geht es wieder hinüber zur Sachsenhäuser Mainseite um die Frankfurter Innenstadt entlang des Mains querend die Fährte Richtung Frankfurt Niederrad aufzunehmen. Beim Gang durch die Stadt verdeutlicht sich einmal mehr der Mief der Großstadt auch wenn an diesem Tag der Luftindex auf der in Echtzeit abrufbaren Luftverschmutzungskarte eine wetterbedingt mäßige Belastung ausweist. Zweifelsohne ist Anfang des 21. Jahrhundert ein Urban Walk durch dichtbesiedeltes Areal nicht immer das Gesündeste, jedoch besteht durchaus Anlaß zur Hoffnung, daß sich dies bis Ende dieses Jahrhunderts deutlich ändern sollte.

Die Leonhardskirche steht hier seit exakt 800 Jahren. Die im Hintergrund hochgezogenen Stahl-Glasboliden werden keine 800 Jahre………..

So begleitet Lärm und Gestänk die Wanderung Richtung Bürostadt Niederrad, dort wo an der Nadelwehr des Mains eine Grünanlage entstanden ist. Regelmäßig überschwemmen hier Hochwässer im Frühling das Mainufer. Anlaß für die Gestalter der Klimaroute durch Holzskulpturen, die das Stationsthema „Flußfluten“ aufgreifen darauf hinzuweisen, daß Schneeschmelze und extreme Temperaturwechsel und Starkregen zu starken Hochwasserereignissen führen.

Trotz aller Diskussion: Frankfurt ist durchaus grün. 52 Prozent der Stadtfläche sind grüne Freiräume und Wasserflächen . 160.000 Bäume sind in der Stadt vorzufinden.
Dicke Luft zum Jahreswechsel – ein jedes Jahr aufkommendes Reizthema. Alleine die Stadt Frankfurt muß jährlich 80.000 Euro aufwenden um 20 Tonnen Silvestersiff zu entsorgen.
Winterschlaf am Mainweg in Niederrad
Einst wurden hier Treibhölzer als Skulpturen eingebracht – jedoch auch der Zahn der Zeit nagte am Gehölz, so dass diese Bretter das Treibholz an der Station „Flussfluten“ ersetzten.
Klimawandel neu interpretiert

Von Niederrad aus führt der Mainweg vorbei an Schwanheim in das gleichnamige Naturschutzgebiet. Leider haben es die Gestalter der Klimaroute versäumt auf dem Gang zum Endpunkt der Route nach Kelsterbach den Streckenverlauf über das Naturschutzgebiet „Schwanheimer Dünen“ zu legen , was sich bei dieser Tour aber wunderbar integrieren läßt. Die Schwanheimer Düne ist eine der seltenen Binnendünen in Europa und entstand in Folge der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren. Der Wind blies feine Sande aus dem Flußbett des Mains heraus. Da auf dem kargen Boden Pflanzen nur langsam Fuß fassen können wanderte die Düne. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie „sesshaft“ und strandete an ihrem jetzigen Ort im Westen von Schwanheim. Auf dem Quarzsand-Gemisch entwickelte sich die typische Pflanzengesellschaft einer Binnendüne, mit den ökologisch kostbaren Silbergrasfluren. Daneben halten sich auf dem mageren Sand auch Kiefern, die mit ihrem bizarren Wuchs an die Vegetation ferner, unwirtlicher Meeresküsten erinnern.

Man kann nicht wegsehen – das Thema ist überall präsent
Durch die Schwanheimer Dünenlandschaft

Verläßt man die Dünenlandschaft taucht man abrupt in eine andere Welt ein. Im Vorhof des Chemieunternehmens Hoechst ist infrastrukturell bedingt eine ausladenden Flächenversiegelung angesagt. Auf der gegenüberliegenden Seite schirmt Kelsterbach den dahinterstehenden Großflughafen Frankfurt ab. Auch die Gegend um Kelsterbach war früher ein weitläufiges Auwaldgebiet. Gegenüber dem Kelsterbacher Nizza, am nördlichen Mainufer, sind Reste davon zu sehen, die bei Hochwasser regel- mäßig überflutet werden. Hier ist oder sollte auch die letzte Station namens „Flußwälder“ angebracht sein, die ich jedoch, vollgeladen mit Impressionen des Tages, überlaufen und übersehen habe.

Markanter Brückenträger am Industriepark Hoechst
830.000 Straßenkilometer versus 300.000 Wanderwegskilometer als deutsche Bilanz. In der Schweiz sind es 65.000 Kilometer versus 71.400 Kilometer – so ein unfairer Vergleich
Flussauen in Kelsterbach

Ungeachtet dessen bleiben 45 eindrucksvolle Kilometer in buchstäblich nachhaltiger Erinnerung. Die Klimaroute thematisch exzellent aufbereitet und gestaltet – wenn auch schon die Jahre gekommen aktueller denn je und behaftet mit einem hohen Sensibilisierungsfaktor.

Walking for future? Walking for future! Grundsätzlich ist es im genetischen Code eines Wanderers verankert sich intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen oftmals mehr als bei manch anderen Bevölkerungsgruppen, die mobilitätsorientiert mit Höchstgeschwindigkeit durch die Lebensräume rasen und hetzen. Für Freunde des gepflegten Wandersports gibt es auch im neuen Wanderjahr Ansätze zur Genüge:

Wandern ist die natürlichste Form der Fortbewegung
Auch wenn nicht immer möglich: zum Wandern gehört der ÖVPN
Leben, überleben, üb erleben – Wandern neu interpretiert
Klimawandel macht Wandern in den Bergen gefährlicher
Idealerweise nutzt man die vorhandene Wanderwegsinfrastruktur
Naturräume werden geachtet und respektiert
Günstige Outdoorplastikbekleidung sollte gemieden werden

Flora und Fauna lassen sich am besten zu Fuß entdecken
Offenen Auges gehend entdeckt man bewußter sein Umfeld
Regionale Anbieter werden grundsätzlich bevorzugt

Fußabdrücke sind das Einzige was ein Wanderer hinterläßt
Umweltschonende Wanderveranstaltungen werden bevorzugt
Talk und Walk – Wandern legt Gedanken frei
Urban Walks – klimaneutral Kulturräume entdecken
Reise zu Fuß – und Du entdeckst die Welt neu
Ehrenamtliche Wegemarkierer, Wanderführer, Wanderblogger Naturschutzverbände, Wandervereine, Wanderinstitute und NGO,s – es gibt genügend Möglichkeiten sich als Botschafter in Sachen „Wandern“ zu engagieren

2 Kommentare

  1. Hallo Martin!
    Walking for future – eine gute Idee für einen Vorsatz im neuen Jahr! Ein Vorsatz, den man dann auch wirklich in die Tat umsetzen sollte. Wie immer klasse geschrieben und eindrucksvoll bebildert. Ich wünsche Dir ein Frohes Neues Jahr!
    Liebe Grüße, Jörg vom Wanderblog Outdoorsuechtig

    • Besten Dank Jörg – auch Du bist ja als Wanderbotschafter bestens unterwegs – bewahre Deinen Elan rund um die Lahn und anderweitig. Ein elanvolles Wanderjahr wünscht Dir Martin

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