
Valle Vairaita im Juli 2014
Wandern im “Schwarzen Loch Europass – für viele noch ein Geheimtipp. Gemeint ist die Region der piemontesischen Westalpen, dort wo das Areal mit zwei Einwohnern pro Quadratkilometer dünner besiedelt ist, als Alaska. Kulturgeographieprofessor und Alpenforscher Werner Bätzing, der just in diesen Tagen seine Abschiedsvorlesung hielt, und sich seit über 25 Jahren für den piemontesischen Weitwanderweg „Grande Traversata delle Alpi/GTA“ engagiert, hatte seinerseits diesen Begriff gewählt.
Wer Entschleunigung sucht, verlassene historische kaum begangene Pfade entdecken möchte, sich faszinieren lassen will vom morbiden Charme verfallener Weiler, fernab von touristischen Epizentren die mit Dreck, Lärm und Gestank behaftet sind , und einige Tage ohne latente Zivilisationsbewegung auskommen kann, der findet sich gut aufgehoben in dem westalpinen Bereich, dort wo nach den Kriegswirren im 20.Jahrhundert eine regelrechte Landflucht einsetzte und ganze Regionen sich in den Einzugsbereich Turin niederließen.

Seit einigen Jahren wird in dieser Region ein sanfter Tourismus mit einer adäquaten Infrastruktur aufgebaut. Einfache Posta Tappas als Übernachtungsherbergen, stilvolle Rifugios und Albergos die entdeckt haben, dass eine qualitative hochwertige okzitanische Küche (die nach Insiderinformation besser ist als die Piemontesische) für den Wandertourismus nicht unabträglich ist, unterlegt mit einem Aufbau einer gut gekennzeichneten Wegestruktur auf Basis historischer Pfade, eine Bevölkerung, die Gastfreundschaft lebt und nicht nur proklamiert – hervorragende Voraussetzungen also ein-und abzutauchen in eine der faszinierensten Regionen Europas.

Nach abenteuerlichen Vorjahresexkursionen in der Valle Maira, in der Valle Stura, im Valle Grana und im Valle Pesio stand dieses Jahr die Entdeckung der Valle Varaita auf der Agenda. Seit zwei Jahren hat man hier nach dem Vorbild des Percorsi Occitani in der Valle Maira einen Rundweg unter dem Signet ” Dodici giorni di trekking in Valle Varaita” entwickelt. Im Schatten des 3.841 hohen Monvisos führt ein 160 Kilometer lange Trail durch das 50 Kilometer lange Tal in den Cottischen Alpen. Nach offziellen Angaben sind dabei über 7.000 Höhenmetern auf zwölf Etappen zu absolvieren. Anlaß genug um gemeinsam mit Daniele Orusa, Bergführer und Manager des in Brossasco ansässigen Informationszentrums Segnavia eine zehntägige Exkursionen zur gesamten Talumrundung zu planen. Insgesamt 186 Kilometer und 9.242Höhenmeter standen zum Schluß auf der Bewegungsbilanz. Großartige Lokationen, faszinierende Ein- und Ausblicke in ein wunderbares Tal, hervorragende Küchenleistungeenn und ein guter Rundumservice (gute Wanderkarten in 1:25.000 Qualität, modifizierte GPX-Tracks und Gepäcktransportservice) machten diese Tour zu einem besonderen Erlebnis. Als Reisezeit ist in den cotttischen Alpen der Zeitraum Ende Juni/ Anfang Juli besonders zu empfehlen – dann nämlich hat der Bergfrühling im wasserreichen Hochgebirge seine Hochsaison.


Bedingt durch den diesjährigen milden Winter passte diese Rechnung jedoch nicht mehr – was der Wanderung jedoch keinen Abbruch tat. Nach einer entspannten Anreise über den San Bernardino und das Aostatal erreichen wir zur Mittagszeit Segnavia in Brossasco um letzte Details auszutauschen. Startort ist Verzuolo,m dort wo am Folgetag der Einstieg in den Rundtrail erfolgte. Verzuolo selbst liegt im Einzugsgebiet der sehenswerten Stadt Saluzzo auf 420 Höhenmeter. Die Kommune am Taleingang wird domestiziert von einer großen Papierfabrik. Während das Centro Storico noch an stilvollere Zeiten erinnert, dokumentiert die Hauptstraße mit alten dem Niedergang belegten Feudalgebäuden, dass es sich mehr oder minder um eine Arbeiterstadt mit einer eingeschränkten gastronomischen Infrastruktur handelt. Eingebucht waren wir im B&B Ghiagioccio – im alten historischen Kern direkt am Einstieg des Valle Varaita-Trecks gelegen. Zur Verfügung stand eine großzügig geschnittene Ferienwohnung , die Hausherrin rührend besorgt um unser Wohlergehen, includierend der Fragestellung, ob Zugang für WIFI benötigt wird – was dankend abgelehnt wurde. Wer Entschleunigung sucht benötigt keine virtuelle Beschleunigung. Ideal dass unser Fahrzeug im großzügigen Innenhof, der nur per Transponder des nachtens zugänglich ist, für die gesamte Tourdauer kostenfrei abgestellt werden konnte. Beste Startvoraussetzungen für die anstehende Tour.



Donnerstag 10. Juli 2014
Verzuolo – Issasca 14,82 km 944 Höhenmeter
Weißblauer Himmel,23 Grad – ideale Wetterbedingungen für die erste Passage. Ausgestattet mit einem Luxuspicknick-Paket für den Rucksack starteten wir nach einem üppigen Frühstück Richtung Issasca. Oberhalb vorbei am Castello von Verzuolo folgten wir der ausgesprochen guten Wegekennzeichnung. Durch fantastische Hohlwege ging es mit kraftvollen Aufstiegen hinauf auf einen selten begangenen Kammweg. Auf Anhöhe des San Bernardo Vecchio genießt man excellente Ausblicke Richtung Valle Maira bis hin zum Punta Marguarais, von wo wir aus beim letztjährigen Trail Richtung Mittelmeer abstiegen. Faszinierend die Tiefblicke auf der gegenüberliegenden Seite Richtung Valle Po und in die grüne Poebene hinein. Richtung Issasca setzten anspruchsvolle Abstiege teilweise auf herrlichen Wurzel- und Hohlwegen ein. Unerwartet am ersten Tag der Sichtkontakt zum Monte Viso. Unterwegs – und nicht zu unserer Überraschung – begegneten wir niemanden auf unseren Pfaden. Ruhe und Natur pur bereits auf den ersten Schritten – Wanderherz was begehrt du mehr. Nach ausgedehnten Rastpausen erreichten wir nachmittags Issasca, ein immerhin 78 Einwohner zählender Weiler. Mehr als außergewöhnlich die dort ansässsige Herberge Locanda per Viandanti e Sognatori, dort wo bereits Daniels Sherpa-Service unser Gepäck transportiert hatte. Das moderne Haus wird von einem Geschwisterpaar betrieben. Die Zimmereinrichtung stilvoll modern und großzügig. Als einzige Gäste des Hauses genossen wir die hervorragende Restauration der Locanda. Jeder Gang wurde mit Hingabe erläutert und zelebriert, wobei mehrere Varianten offeriert wurden. Eine außergewöhnlich kreative Küche hinterliess bei uns einen nachhaltigen Eindruck in der Güteklasse “Superiore”. Welch wunderbarer Start!











Freitag 11. Juli 2014
Isasca – Frassino 19,78 km 1.063 Höhenmeter
Dieser Wanderabschnitt war geprägt von vielen sakralen Stationen. Zunächst ging es auf moderaten Wegen voran Richtung Brossasco, dort wo Daniel,s Informationszentrum ansässig ist. Brossasco selbst noch am Talbeginn liegend ist eine prosperierende Kommune – hier hat sich auch Möbelindustrie angesiedelt. Eine Vielzahl von Neubauten legen Zeugnis ab, dass man sich hier gerne zurückzieht. Die Altstadt selbst wird von drei Kirchen in der Ortsmitte geprägt. Besonders sehenswert ist dabei die Kirche San Andrea. Vorbei an der Talstation des Pumpenkraftwerkes geht es weiter auf herrlichsten Saumpfaden steil hinauf via Ciabot Tarditi zur Kirche San Eusebio die bekannt ist für ihre Freskenmalereien. Von dort führt der Weg Richtung Madonna della Betulla, dort wo einige Weiler mit sehr gepflegten Anwesen zu besichtigen sind – scheinbar ein gesuchter Wochenend-Rückzugsort für erschöpfte Turiner.
Bei stahlblauem Himmel und Temperaturen oberhalb von 21 Grad ist der Vorplatz der Kirche Madonna della Betulla ein herrlicher Platz für eine Mittagsrast. Hier begegnen uns erstmals zwei Wanderer, die ihren Einstieg per Auto gesucht hatten. Vorbei an Meira Cru geht es auf spektakulären nicht markierten Pfaden Richtung Frassino. Immer wieder stoßen wir auf zerfallene Häuser und verlassene Siedlungen, wobei das Areal nach wie vor mit Vieh bewirtschaftet wird. Eingewachsene Pfade, die offenkundig seit Wochen schon nicht mehr begangen wurden sind, belegen dass wenige Wanderer auf diesen Pfaden unterwegs sind. Auf alten Mulipfaden geht es über Meira Gucciardi nach Meira Passai. Der in der Karte und im Tourenguide beschriebene Weg ist starkn eingewachsen und befindet sich im Privatbesitz. Über einen Wirtschaftswegbypass führt uns daher die Passage zunächst oberhalb von La Sagna vorbei hinab nach Frassino zu unserer nächsten Übernachtungsstation “i chimi”. Chiara und Simone haben hier liebevoll ein historisches Anwesen stil-und geschmackvoll umgebaut. Das Interieur macht manch einem Haubenlokal in heimischen Gefilden Konkurrenz. Außergewöhnlich und besonders zu erwähnen ist die hohe Qualität der Küche. Dem Gast stehen im Rahmen des traditionellen Vier-Gänge Menüs (Antipasti, Primi, Secondi, Dolce) mehrere täglich wechselnde Variationen zur Verfügung, additiv unterlegt mit der ein – oder anderen Empfehlung aus der Küche. Nicht selbstverständlich aber im I Chime ist als zusätzliches add-on (Vino de casa, Aqua und Cafe) im HP-Preis includiert. Das Frühstück wird morgens in der benachbarten Bar eingenommen – kein Nachteil, sondern im Gegenteil. Italienuntypisch wird hier ein verstärktes Frühstück aufgefahren (Rührei mit Schinken, und Pfannkuchen gehören hier zur Grundausstattung.) Weiterhin ist positiv zu bemerken, dass in besagter Bar Risto-Bar Spada Reale ein ausgezeichnetes Spaten-Helles vom Faß ausgeschenkt wird, als idealer Labsal nach einer gepflegten Wanderung. PerfekteVoraussetzungen für Wanderer, dieerschöpft sind von einem faszinierenden Wanderabschnitt.

















Samstag 12. Juli 2014
Frassino – Becetto 12,39 km 1.008 Höhenmeter
Ein bedeckter Himmel überspannte die Valle Varaita. Gemäss dem aktuellem Meteo-Bericht waren für nachmittags sattsame Niederschläge mit einhergehenden Gewittern avisiert. Zwecklos die Versuche die Chefin von Spada Reale zu einem Early-Bird-Frühstück zu bewegen. Angesichts des hervorragenden Frühstücks aber konnten wir genug Körner aufnehmen um unser Tagesziel in Becetto zügig in Angriff zu nehmen. Frassino, ebenso ein beliebter Rückzugsort der Großstädter gehört noch zu den wenigen aufstrebenden Kommunen am Talanfang. Stattliche Neubauten im Anschluss des Ortskerns ziehen sich bis zur Walfahrtskapelle Madonna della Angelo hin.
Auf historischen Mulitrecks führt ein zwei Kilometer langer Steilanstieg 600 Höhenmeter hinauf, vorbei an zahlreichen eingefallenen Weilern zu Rostagno, einer beeindruckenden Geistersiedlung. Wenn man untertauchen wollte, einen besseeren Platz gibt es nicht! Schwülwarm und bis zu den Knöcheln im Schweiße stehend haben wir das üppige Frühstück, den abendlichen Vino Rosso de casa, die Espressi und den Genepy längst auf der Piste gelassen. Glücklicherweise sind genügend Wasserquellen am Trail vorzufinden um bestes Bergwasser -aqua fresco- nachzutanken. Selten wird bewußt, dass Wasser, und insbesondere das kühle weiche piementesische Alpenwasser, so herrlich schmecken kann. Auf herrlichen Pfaden queren wir einige Wasserfälle und erreichen bereits gegen 14 Uhr die Albergo del Belcetto -wo Daniel zuverlässig unser Gepäck verbracht hat. Brummelig begrüßt uns die ältere Thekenmannschaft – glücklicherweise täuscht der erste Eindruck. Die junge Dame des Hauses nimmt uns sofort unter ihre Fittiche. Schnell wird die Hausspezialität, piemontesische Ravioli in einem Spezialsud aufgefahren. Regen setzt ein, was uns jedoch nicht abhält, der Empfehlung der Dame des Hauses Folge zu leisten, um die bereit 1200 errichtete Wallfahrtskirche San Bernardo zu besichtigen. Ein ortansässiger Kirchenbewacher begrüßt uns freundlich in der Kirche und berichtet voller Stolz von der reichen Geschichte des prächtigen Sakralbaus, der mehr als 700 Jahre Baugeschichte hinter sich hat. So genießen wir eine kleine Exklusivführung. Das Prunkstück, eine diamantenbsetzte Schwarze Madonna wurde vor vielen Jahren gestohlen – an ihrer Stelle trohnt heute ein Replikat. Abends füllt sich das Restaurant – scheinbar der einzige Treffpunkt oberhalb von Sampeyre. Sehr gut das zelebrierte viergängige Menü – ein gelungener Auklang eines anstrengenden Tages.



















Sonntag, 13. Juli 2014
Becetto – Rifugio Bagnour 18,7 km 1.343 Höhenmeter
Nach einigen Abechnungsdiskussionen mit der in die Jahre gekommenen Frühstückschefin, die scheinbar nicht zur Fraktion der Frühen-Vogel-Bewegung gehört (generationsübergreifende Kommunikation scheint in diesen Breitengraden problematisch zu sein) geht es auf abenteuerlichen Pfaden nach Meira Roina. Die Wegekennzeichnung veranschlagt 35 Minuten für die Strecke – selbst bei allerbesten Wettervoraussetzungen ist diese Marschzeit maßlos untertrieben. Mithin der spektakulärste Wegeabschnitt ist auf dieser Passage zu verzeichnen. Extremschmalpfade mit stark abfallenden Böschungen auf der Talseite kennzeichnen die nächsten drei Kilometer – nichts für schwache Nerven. Selbst auf der Wanderkarte ist dieser Streckenabschnitt mit einem Warndreieck belegt. Bei Regen ist eine Wegbegehung mehr als kritisch zu sehen. Am Einschnitt zweiter Täler erreichen wir einen tosenden Wasserfall. So steil wie es abwärts ging, geht es auf dem Gegenzug wieder hoch. Lohn der schweißtreibenden Beinarbeit – herrliche Ausblicke auf das nun gegenüberliegende Becetto bei besten Wetterverhältnissen. Oberhalb von Maira di Rute wählen wir die Variante via U45 nach Meira Chiamp Grande, Auf selten begangenen Wegen genießen wir auf einem Höhenniveau von 1.600 Metern herrliche Talblicke. Immer wieder queren kleine Wasserläufe unsere Wege. Abenteuerlich nochmals die Querung eines größeren Gebirgsbaches. Erst durch zielgericheten Aufbau einer Steinformation im Flußbett (Pfadfinder lassen grüßen) können wir die Wasserpassage überwinden. Auf herrlichen naturbelassenen Pfaden geht es weiter zum ungastlichen Weiler Pui, dort wo wir von einer ungebändigten Hundemeute regelrecht vertrieben werden. Unorthodox queren wir ein Waldgebiet um weiter unten bei Cianponesio eine kurze Mittagsrast einzulegen, um dann mit dem zweistündigen Anstieg auf das über 2.000 Höhenmeter gelegene Rifugio Bagnour zu beginnen. Auf zunächst gut gekennzeichneten Wegen geht es durch Alevewälder stetig aufwärts. Der Alevè ist der ausgedehnteste Zirbelkiefernwald der Alpen und bedeckt eine Fläche von rund 825 Hektar auf einer Höhe von 1500 bis 2500 m ü.d.M in diesem Areal. Seine Ursprünge reichen zurück bis zu den Vergletscherungen während des Quartärs. Die Pinus cembra kann bis zu 20 m hoch werden und ist sehr langlebig. Das älteste Exemplar des Alevè ist mehr als sechshundert Jahre alt. In der Mitte des Waldes liegen zwei kleine Seen: der Lago Secco auf 1890 m, der mit der Zeit immer mehr Wasser ansammelt, und der Lago Bagnour auf 2017 m, der sich hingegen allmählich zu einem Torfmoor entwickelt.
Die Wegekennzeichung des Abschnittes Richtung Lago Secco war mehr als dürftig. Komplett eingewachsene Teilabschnitte machten es unmöglich der rotweißen Wegekennzeichnung zu folgen. Dank GPS-Tracking war das weitere Vorankommen aber unproblematisch. Unterhalb des Lago Seccos setzte Starkregen ein, was uns dazu veranlasste die letzten 300 Höhenmeter in 35 Minuten auf felsigen Pfaden zu absolvieren. Eine besondere Erschwernis bei dieser Tour: Für dieses Rifugio war kein Gepäcktransport vorgesehen – was nicht kommuniziert und demgemäß von uns nicht vorgerüstet war. Einfach doof wenn man in der Vorbereitung nicht akribisch genug, das gute Kartenmaterial studiert. Kleidung durchnässt – Wechselmöglichkeiten nicht vorhanden, Nachtequipment Fehlanzeige. Glücklicherweise schickte der Herr ein Zeichen. Der Himmel riss auf und wir begannen mit der Trocknungsphase von außen und der Befeuchtung von innen ( birra a la pression!), Ein Notfallprogramm setzte ein. Glücklicherweise ist ein First-Aid-Unterhosen-Socken-Paket immer Rucksackbestandteil, so dass selbst bei widrigen Umständen eine auskömmliches Überleben gewährleistet ist. Strategisch abgeschottet (kein Handyempfang, kein Radio, kein Fernseher) wurde Deutschland an diesem Abend ohne unsere Unterstützung Weltmeister in Brasilien und wir konzentrierten uns gemeinsam mit einer 16köpfigen französischen Wandertruppe auf die kreuzehrliche und schmackhafte dreigängige Hüttenkost, unterlegt mit einem wohlschmeckenden Apperitivo. Livio Martino und Elisa Tosco – unkonventionelle Gastgeber – als in allem eine spannende und unvergessliche Etappe.
















Montag 14. Juli 2014
Rifugio Bagnour – Chianale 16,95 km 770 Höhenmeter
Eine Stunde vor vereinbarter Weckzeit der französischen Wanderfreunde waren wir frühmorgens auf der Piste, abwärts nach Rocca del Castello. Gute Bergpfade und schöne Wurzelpfade kennzeichneten den 400 Meter steilen Abstieg zum Fuße des imposanten Stausees Lago di Castello.Von hier bietet sich auch eine Exkursion “Giro do Mon Viso” an, eine der schönsten Westalpentrails rund um den markanten Berg – teilweise auf GTA-Pfaden. Durchaus Stoff für eine künftige Exkursion in diesem Areal.
Bei besten Wetterverhältnissen erreichten wir den künstlich gestauten See. Linker Hand führt ein an mondänen Kurorten erinnerenden Flanierpfad nach Pontechianale, dort wo das touristische Epizentrum des Valle Varaitas vorzufinden ist. Analog dem Campo Base in der Valle Maira entfaltet sich hier am Talende, kurz vor den französischen Passstraßen, eine Anhäufung touristischer Präsenz und häßlicher Hotelbauten. Ungewohnt wenn man bereits einige Tage in der Stille des Tales verbringen durfte. Im Winter Skizirkus, im Sommer ein Eldorado für Biker, die kostümiert in grellsten Modefarben die Passstraßen bevölkern. Nach einer kurzen Kaffepause flüchten wir aus diesem betriebsamen Areal um auf herrlichen Bergpfaden bequem auf 2.200 Höhenmetern aufzusteigen. Wunderbare Ausblicke in das Varaital lassen das betriebsame Intermezzo von Pontechianale rasch vergessen. Imposant der Blick auf das knapp 500 Höhenmeter tiefer gelegene Chianale unser heutiges Etappenziel.
Entspannt führt uns der markierte Pfad zum Talende und von dort aus über die Fahrstraße hinab in das von der Vereinigung I borghi più belli d’Italia mit dem Prädikat “schönste Dorf Italiens” versehene Chianale. Fürwahr – es wäre eine Schande in der Valle Varaita gewesen zu sein, ohne dieser Gemeinde einen Besuch abgestattet zu haben – das ganze Dorf ein Museum. Liebevoll restaurierte Häuser, mit Detailarbeiten aus Holz und Stein in Hülle und Fülle zeigen, dass es durchaus möglich ist (wenn auch mit EU-Fördergeldern) die Region stilvoll und angemessen zu entwickeln. Ein Highlight die gebuchte Unterkunft, die Locanda La Peiro Groso – das erste Haus am Platz. Die Hotelbeschreibung: “Die gelungene Symbiose aus traditioneller Architektur und moderner Kreativität, die Verwendung von natürlichen Materialien und alpinem Holz, die sorgfältige Suche nach Harmonie und Farbe – all diese Voraussetzungen machen Ihre Ferien unvergesslich!” ist nicht untertrieben. Integriert in einem markanten Felsen, der auf der Innenseite integrativer Bestandteil des Kaminzimmers ist, ist das hervorragende Hotel eine empfehlenswerte Adresse. Michaele aus der Lombardei, jahrelang in der Schweizer Hotelerie tätig überrascht uns mit einem excellenten Service. Ebenso auf hohem Niveau die Qualität der Küche. Wellnessurlaub als Wanderalternative – hier könnte man weich werden.






















Dienstag 15. Juli 2014
Chianale – Chiesa 16,3 km 857 Höhenmeter
Dank Michaelas Schwiegermutter, die bereits morgens Hummeln im Hintern hat ist Frühstück um 7.00 Uhr kein Problem. “Der Gast bestimmt unseren Takt”, so Michaelas Worte am Vortag – eine bemerkenswerte Kundenorientierung. Schwerzen Herzens verlassen wir nach einem opulenten Frühstücksbuffet diese vortreffliche Herberge. Mit herrlicher Sicht auf das Valle dell Pagnello verabschieden wir uns vom Talende. Auf einem Höhenniveau von 1.700 Metern geht es auf herrlichen Pfaden, die nach Beurteilung des Planzenwuchses selten begangen werden, durch gepflegte Weiler auf der gegenüberliegenden Talseite zurück nach Pontechianele. Nach der obligatorischen Cappuccinopause starteten wir auf 1.605 Höhenmeter zum Colle della Battagliole auf 2.284 Höhenmeter, dem höchsten Punkt unserer Valle-Varaita-Exkursion.
Der Weg zum Colle verläuft auf dem GTA-Pfad. Ergo GTA-typisch der Wegverlauf. Alte Wege, im Zweifelsfall die rascheste Verbindung von A nach B, was bedeutet steil, steiler noch steiler. Glücklicherweise führte der Weg durch Mischwälder, so dass die Baumverschattung den schweißtreibenden Aufstieg erträglicher macht. Der Aufwand lohnt allemal – wie selbst GTA-Experten berichten ist der Colle delle Battagliolia eine der schönsten Übergänge auf dem gesamten Grande Traversata delle Alpi. Oben angekommen fulminante Blicke auf den Monte Viso linker Hand und rechter Hand dem Pelva d.Elva, der sich mit seinen über 3.000 Höhenmetern majestätisch als ein markanter Gipfel im Valle Maira aufbaut. Zu Füßen des Pelva d,Elva,s liegt unser heutiges Tagesziel, Chiesa, von dieser Anhöhe eine Ansiedlung mit Modelleisenbahnanblick.
Idealerweise legen die großen Cummuluswolken immer wieder im Wechsel die Spitze des Monvisos und des Pelva,d.Elvas frei. Wie abgestimmt erfolgt die Gipfeloffenlegung immer im Wechsel. Großes Kino in einem herrlichen Tal! An diesem Ort ist man geneigt in Sitzstreik zu treten und nicht mehr weiterzulaufen. Ein herrliches Flecken Erde, jedoch auch belegt mit einer düsteren Vergangenheit. Hier fanden 1744 kriegerische Auseinandersetzung zwischen Savoyen-Piemont/Österreich und der Allizanz Frankreich-Preußen-Spanien statt. Geplättet vom Ausblick treten wir den Abstieg nach Chiesa an. Wir es eilig hat, schleust sich auf der GTA-Passage nach unten, nur Fallschirmspringen ist schöner, wenn man von oben den Wegverlauf des GTA,s verfolgt. Entspannter ist eine ausladende Passage Richtung nach Pleyne. Auch hier entscheiden wir uns für eine ausgedehntere Variante inclusive eines Mittagsschlafs auf halber Strecke. Statt der Asphaltstraße nach Chiesa zu folgen, legen wir noch eine Waldpassage Richtung Süden ein, um auf angenehmen Pfaden entlang des Torrento Varaita di Bellino und durch das Valle Varaita Felsenmeer Chiesa zu erreichen – eine sehr zu empfehlende Wanderung.
Eine herausragende Etappe geht zu Ende, enttäuschend einzig die Qualität der ortsansässigen Posta Tappa. Einziger Lichtblick, der 83jährige Seniorchef Alfredo. der sich zu uns gesellt und neugierig ist woher wir kommen und wohin wir gehen. Das von außen großzügige Haus täuscht. Die Räume sauber und ordentlich jedoch dem Ambiente entsprechend extrem minimalistisch ausgestaltet und eher dem Stil der 70er Jahre entsprechend. Das Abendessen, eine übersichtliche durchschnittliche Kost, lieblos zelebriert. Das Birra Moretti auch in 0,66l Flaschen abgefüllt wird, scheint hier noch nicht bekannt zu sein, reagenzglasgroße 0,2 l Flaschen werden hier als amtliche Bemessungsgrundlage herangezogen. Vielleicht waren wir in den letzten Tagen auch zu sehr verwöhnt von der Qualität der Unterkünfte. Nach Genuß mehrerer Mikroflaschen fallen wir entspannt in Tiefschlaf. Täglich bis zu 1.000 Höhenmeter zu absolvieren fordert schon eine ausreichende Regeneration – und hier ist am langen Ende jede Schlafstätte recht.



















Mittwoch 16. Juli 2014
Chiesa- Rifugio Garneri 16,9 Kilometer 988 Höhenmeter
Nach einem standardüblichen aber nicht mehr zeitgemäßen spartanischen Frühstück in Gesellschaft zweier muffeliger Schweizer Biker und einem wortkargen Franzosen starten wir kurz nach 7.30 Uhr. Chiesa selbst, das den Kern der Kommune Bellino bildet, ist ein schmuckes herausgeputztes Dörfchen. Dank eines Regionalentwicklungsprogrammes wurde mit Unterstützung von EU-Mitteln das kommunale Straßennetz neu gepflastert. Wohltuend zu sehen, dass auch im “Schwarzen Loch” Europas zielgerichtet investiert wird. Sukzessive talabwärts geht es von Weiler zu Weiler, allsamt stattlich herausgeputzt. In Torrente Varaita mit dem markanten Kirchturm freute sich eine ältere Einwohnerin, eine gebürtige Venascanerin, über unseren Besuch. Überschwänglich berichtete sie von alten Zeiten und der ehemals verlotterten Siedlung, die nun stattlich herausgerichtet ist. Mit Freude erzählte sie dass Ihr Sohn Sprachen, darunter auch Deutsch studiere, sie selbst aber außer Italienisch, Okzitanisch und einige Brocken Französisch nichts verstünde. Am Waschplatz des Dorfes kamen wir in das Gespräch mit zwei älteren Bewohnerinnen, die uns sofort als Fußballweltmeister identifizierten, was wir nur mit Schulterzucken entgegnen konnten, da wir weder maßgeblich noch unmaßgeblich daran beteiligt waren. Ungläubig nahmen sie auf, dass zwei Tedeschi das gesamte Valle Varaitatal in zehn Tagen – das noch zu Fuß – umrunden, und das noch auf den alten Mullaterias, wo normalerweise kein normal denkender Mensch mehr geht….
GTA like, d.h. ein Mörderstieg bei schwülen klimatischen Verhältnissen, geht es durch Mischwälder aufwärts nach Tenue, dort wo noch drei Häuser bewohnt sind, via Fondove zum 1.900 Meter hoch gelegenen Refugio Meira Garneri. Leidgeprüft von der Gepäcktransportaktion zum Rifugio Bagnour hatten wir am Vorabend nochmals die Transportfaszilitäten abgeprüft und bestätigt bekommen, daß “servizio di transporto bagagli” sichergestellt ist.
Was erwartet der südhessische Trailer von einem Rifugio im Hochgebirge des Piemonts? Eine einfache und zweckmäßige, vielleicht urig eingerichtete Herberge mit einer schmackhaften Hüttenkost, einem vernünftigen Schoppen Wein einen oder mehreren Genepy aus der Pflanzenfamilie des Artemisias glacialis gewonnen – als Substitut für das Trestergetränk der Oberschicht namens Grappa… (wobei der Genepy das substantiell werthaltigere Extrat ist). Was erwartete uns wirklich? Nichts von alledem!
Rifugio Garneri – die außergewöhnlichste und beeindruckenste Lokation unseres gesamten Trails. Vor zehn Jahren haben einige junge Männer eine verfallene alte Berghütte im Tal von S. Anna di Sampeyre auf 1850 m Höhe mit Liebe, Sorgfalt und Detail umgebaut, um ein behagliches Ambiente zu schaffen, in dem man sich selbst und die Liebe zu den einfachen Dingen wieder entdecken kann, ohne dabei auf den heutigen Komfort zu verzichten. Im Winter mag man sicher hier wie in einer kanadischen Lodge in den Rocky Mountains fühlen. Eine außergewöhnliche architektonische Gestaltung, eine Detailverliebtheit in der Ausgestaltung die mehr als großzügig bemessenen Gästezimmer und eine atemberaubend excellente Küche, die manch einem Sternekoch die Schamröte in das Gesicht treiben würde, machten den Aufenthalt in diesem Refugium zu einem wahren Wellnesstag. Selbst in Details etwas Besonderes zu bieten, das ist das absolute Stärke der Betreiber. Wert wird insbesondere auf frische heimische Zutaten gelegt. Ein Erlebnis für die Sinne, die von der Brauerei Produzione Artigianale Birra de Allessandro Boero aufgelegten Biere, darunter ein obergäriges Substrat mit dem dezenten Ettikettenhinweis (Hefe-Weizenbier) und einer Drehzahl von 5,4% welches jedem bajuwarischen Weizengetränk in nichts nachsteht. Einzig eine kurze Einführung in Gläserkunde war erforderlich, um das Ganze perfekt abzurunden. Des Abends absolut stimmig, der zum exquisiten Essen (immer noch mit Nachhall im Gaumen die angereichte Melange aus Zwiebeln, kross gebackenem Brot, überbackenem Käse aus Melle, kleingehackten Haselnüssen und dezent überlagert mit angewärmten Haselnussöl) angebotene Barolo. Kurzum ein außergewöhnlicher umsichtiger und unaufdringlicher Service in einem angenehmen Ambiente – zweifelsohne die beste Lokation, die wir in den letzten Jahren in den piemontesischen Gebirgsgefilden besuchen durften und eine Topempfehlung für jeden Wanderer, der Gelegenheit hat in dieser Region unterwegs zu sein.




















Donnerstag 17.Juli 2014
Rifugio Garneri – Frassino. 24,91 km 890 Höhenmeter
Da wir uns entschieden hatten den Trail statt in zwölf Etappen in zehn zu absolvieren, war heute eine Sondereinlage erforderlich. Mangels Übernachtungsgelegenheit in Melle hatten wir mit Daniele einen erneuten Zwischenstopp in der bewährten Lokation I chimi in Frassino vereinbart. Nach starken Regengüssen in derNacht begrüßte uns stahlblauer Himmel am nächsten Morgen. Mit etwas Wehmut verabschiedeten wir uns vom Rifugio um auf angenehmen Pfaden abwärts nach Rore via Sant Anna zu wandern. Nach knapp Kilometer 8 unterhalb von Madonna Nadobrand begann die schwierigste Passage des gesamten Trails. Auf extrem steilen Pfaden, teilweise kettengesichert, ging es abwärts nach Collet. Bei Regen wäre es unmöglich gewesen diesen Abschnittt zu laufen. In diesem Falle müsste eine weiträumige Umgehung via Sampeyre in Erwägung gezogen werden.
Vorbei an einem verlassenen Batalliongebäude geht es auf excellenten Waldboden in großen Kehren hinab nach Rore. Unverständlicherweise führt parallel der GTA von San Mauro nach Rore auf asphaltierten Straßen. Eine Überprüfung des Distriktverantwortlichen wäre hier durchaus angebracht. Wir bevorzugten die unwesentlich weitere Wirtschaftswegvariante um pünktlich zur Mittagszeit in das in der Ortsmitte ansässige Ristorante Amici einzukehren. Was für einen Deutschen 12.00 Uhr ist, ist für einen Piemonteser 12.30 Uhr. So hiess es zunächst abwarten bis “La Familia” die Mittagsspeisung beendete um dann gegen 12.30 Uhr an den Tisch gebeten zu werden. Aus Respekt vor diesen Gepflogenheiten wurde die Zeit genutzt um mit dem Seniorentrupp aus Rore gegenüber des Lokals eine angemessene Siesta zu verbringen.
Nach der zügigen Atzung legten wir eine Zusatzvariante ein, um auf der gegenüberliegenden Seite Richtung Borgata Grande aufzusteigen. Entgegen der sonst guten Ausschilderungsqualität war in diesem Bereich die Markierung nicht immer schlüssig. In langen Kehren, fernab des geplanten Tracks ging es auf anspruchsvollen Wegen hinauf auf 1.200 Höhenmeter. Nach einer kurzen Erfrischungspause am dörflichen Brunnen war nochmals ein Steilabstieg nach Frassino angesagt. Auf schon lange nicht mehr begangenen Wegem, wägten wir Schritt für Schritt sorgsam ab, um sicher in Frassino anzukommen. Alles in allem ein herrlicher aber auch anstrengender Wandertag mit knapp 1.500 Höhenmeter Abstieg, 900 Höhenmeter Aufstieg und knapp 25 gelaufenen Kilometern.
Schon in Sichtweite von Frassino hörten wir den Bierhahn der Bar Spada-Reale rauschen. Freudig wurden wir von der Chefin des Hauses begrüßt , die sich wohlweislich daran erinnerte, dass man zwei ausgezehrte deutsche Wanderer mit einem frischgezapften Spaten-Hellem eine besondere Freude bereiten kann. Salute! Wiederum tadellos und hochgradig zu empfehlen “I chimi”. Auch der Chef des Hauses freute sich uns nach einer Woche bei guter Verfassung und Stimmungslage wieder zu sehen.













Freitag, 18.Juli 2014
Frassino – Venasca 26,47 Kilometer 969 Höhenmeter
Die längste Tour unser Expedition war für heute angezeigt. Zweieinhalb “offizielle Etappen” waren zurückzulegen, wobei wir angesichts der Schwüle darauf verzichteten, von Frassino über San Maurizio um über 600 Höhenmeter aufzusteigen um dann ebenso 600 Höhenmeter nach Melle abzusteigen. Kurzerhand folgten wir der Parralleltrasse nach Melle, welches wir nach 4 Kilometern Asphalt erreichten. Planmäßig dann wieder der Aufstieg zum Wallfahrtsort Santuario di Valmale. Alleine der Aufstieg zum Kloster war mit knapp 800 Höhenmetern ausgewiesen, jedoch ist der Streckenverlauf in weitläufigen Kehren angelegt, mit einem sehr moderaten Steigungsprofil, so dass der Gesamtaufstieg sehr bequem zu bewältigen ist. Kein Vergleich zu den üblichen GTA-Streckenverläufen. Der Weg zum Kloster selbst unspektakulär. Die meiste Zeit führt die Trasse durch Mischwälder, partielle Aussichten zum sich abflachenden Talanfang deuten an, dass die Landschaft gemäßigt in die Poebene ausläuft. Pünktlich um 12.00 Uhr zum öffentlichen Mittagsgebet erreichen wir den berühmten Walllfahrtsort. Leider ist das gesamte Areal mittlerweile zu einem Rummelplatz verkommen. Schund und Tand werden in den Geschäften feilgeboten, Sowohl aus dem Mairatal als aus dem Varaitatal kann man über Fahrstraßen die Lokation, die auch über drei ansässige Gaststätten verfügt, aufsuchen. Demgemäß gut die Frequenz an einem warmen Sommertag. Gefühlte Anreisequote: 92% Autofahrer, 6% Radfahrer, 1,99% Mofafahrer – der Rest Wanderleute aus Südhessen. Nach einer Mittagsrest war Abstieg angesagt. Via Rolfa (einem Luxusweiler) ging es auf den nächsten 3,5 Stunden geruhsam hinab nach Venasca. Faszinierend der Blick von oben auf die knapp 1.500 Einwohner zählende Gemeinde.
Venasca, umgeben Esskastanienwäldern, ist ein landwirtschaftlich-industrielles Zentrum mit einer reichen Geschichte. Bereits im 10. Jahrhundert gehörte der Ort dem Bischof von Turin, bevor die Kommune weitergereicht wurde Auf dem Gebiet von Venasca fand 1744 ein Gefecht zwischen französischen und savoyischen Truppen statt, und 1799 ein weiteres zwischen den französischen und den kaiserlichen Truppen.
Die 1765 errichtete Pfarrkirche gilt als eines der besten Beispiele des piemontesischen Barocks. Die Ziegelfassade aus zwei Ordnungen, die von einem prunkvollen Kranzgesims getrennt werden, wird von einem hohen Tambour mit kleiner Kuppel überragt. Der Innenraum hat einen achteckigen Grundriss, ist reich an polychromen Marmoren.
Einziger Wermutstropfenin Venasca: die ordentliche Übernachtungslokation B&B Maggiociondolo befand sich 1,5 Kilometer vom Zentrum entfernt, so dass nach dem anstrengenden Wandertag zur abendlichen Einkehr in die Ortsmitte nochmals ein Fußmarsch angesagt war. Der Weg lohnte sich jedoch allemal. Im hervorragenden Ristorante La terazza genossen wir bei herrlichen Abendtemperaturen die kulinarische Vielfalt der okzitanischen Küche.












Samstag, 19.Juli 2014
Venasca – Verzuolo 20 Kilometer 369 Höhenmeter
Unsere Gastgeberin im B&B Maggiociondolo war sehr zuvorkommend, die Gasträume modern und ansprechend was das Manko (Lage außerhalb und direkt an der Staatsstraße) aufwog. Bereits am frühen Morgen drückende fast unerträgliche Schwüle. Die ursprüngliche Route nach Costigliole Saluzza sah nochmals einen Anstieg von knapp 1.000 Höhenmetern via Mad. na di Peralba nach Rossane vor.
Angesichts der Tatsache, dass wir einerseits auch zu Fuß zu unserem ursprünglichen Ausgangsort Verzuolo zurückkehren wollten, und andererseits die Gebietsstruktur (abflachender Taleinschnitt, Wegführung durch Mischwälder ohne größere Aussichtsmöglichkeiten) keine besondere Attraktivität versprach, entschieden wir uns für die nicht zwingend attraktive Flachetappe. Einer Landstraße folgend machten wir zunächst einen Abstecher in Rossane mit der sehenswerten Kirchenfassade. Ansonsten ist der Ort unspektakulär. Zurück auf den ursprünglichen Pfaden folgten wir dem Varaita-Trailzeichen um auf ruhigen Wirtschaftswegen nach Costigliole zu wandern. Einzig das oberhalb dort angesiedelte alte Castillo ist sehenswert, nebenan befindet sich ein hochwertiger Hotelressort mit Wellnessanlagen. Ansonsten ist Costigliole eine typische Durchgangskommune mit Industrie- und Agraransiedlungen. Parallel zur Bahnlinie zog sich die Strecke bei brütender Hitze bis nach Verzuolo, dort wo wir vor 10 Tagen den außergewöhnlichen Trail starteten.









Fazit:
Der Valle Varaitatreck ist eine absolute Empfehlung. Zu beachten ist jedoch, dass der Trail in toto kein Spaziergang ist, sondern durchaus anspruchsvoll. Selbstverständlich können auch individualisierte und deutlich kürzere Streckenabschnitte eingeplant werden. Wie bereits in den Nachbartälern beeindruckt jedesmal die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit der Bevölkerung. Über die Qualität der okzitanischen Küche ist bereits genügend niedergelegt worden -schlichtweg köstlich . Mit Unterstützung von Daniele vom Informationszentrum Segnavia kann eine Individualtour zu erschwinglichen Preisen unproblematisch organisiert werden. Überraschend die überwiegend hohe Qualität der gebuchten Lokationen, die teilweise die Qualität des Nachbartals Valle Maira getoppt haben. In der Gesamtzbetrachtung sehr gut auch die Wegekennzeichnung. Noch ist das Areal wandertechnisch jungfraulich und allemal Wert entdeckt zu werden – nichts jedoch für ängstliche Tagestouristen die sich eher wohlbehütet im Mantel der Zivilisation eingehüllt sehen. Allemal bietet das Areal weitreichende Kombinationsmöglichkeiten, sei es Talsprünge Richtung Valle Maira und zurück oder Exkursionen rund um den Monviso. Die Wahrscheinlichkeit von Folgeexkursionen ist sehr hoch.


Complimenti, è stato emozionante vedere queste bellissime immagini! Abito nella bassa Valle Varaita e vedere che un tedesco abbia così apprezzato la nostra bellissima valle fa un piacere immenso! Grazie della testimonianza!
Grazie mille per il bel complimento
Wie schön unsere Täler sind! Der Junge in der Bild “Der Junge schwitzt schon ohne zu wandern…” ist Bernard Dematteis aus Rore (Sampeyre) Berglaufen Europameister 2013 und 2014… 😉
Ist das nicht herrlich – wie klein die Welt ist – Danke für die Info ich werde die Bildunterschrift anpassen.
You made a wonderful blog with much better pictures then I made, when we as one of the first did the Valle Varaita Trekking in 2013. So bad you had not the time to pass via Valmala, the Sanctuary in the mountains on the south side of the valley. I can recommend everybody to walk this beautiful trail.
http://www.vallevaraitatrekking.it/gallery%20Carel%20Brendel/index.html
Sorry, I went too quick through your blog. You’ ve been in Valmala on a busy day. We appreciated it much more then you did. Maybe because we stayed for the night. Near the evening Valmala became a very quiet place. We climbed a bit on the mountain behind the Santuario, with great views on the Mont Viso and other mountains.
Thank you for your comment Carel. I share your opinion that in the early evening this area will be a nice place. We walked alongside the GTA up to Santuario di Valmale and enjoyed excellent views to Monviso. Also I think this point we,ll be excellent for a Valley-crossing trail in the direction of Elva Valle Maira. Maybe that I walk in future a great south-north trail indicating Valle Grana (San. Castelmagno, Valle Maira (Mon. Chersogno / Elva / Valle Varaita and finally Giro del Monviso) There a lot of possibilities to explore this wonderful area .
Have a good time Martin