Südlich des Äppeläquators

Schollbrunn, den 5. August 2018 –

Die Mischung macht es! Man nehme schattige Waldpassagen um der Sonneneinstrahlung zu entfliehen, und kombiniere zwei Kulturwege angereichert mit hin-und ausreichenden Einkehrmöglichkeiten. Die Belohnung: eine außergewöhnliche Kultur- und Naturwanderung für ambitionierte Wanderfreunde. „Pathways to Cultural Landscapes“ lautet ein EU-Projekt zur Erschließung von Kulturregionen in der Europäischen Gemeinschaft. So engagiert sich in Deutschland insbesondere die Region Spessart seit einigen Jahren und hat mittlerweile ein dichtes Netz an Kulturwegen geschaffen um diese Mittelgebirgslandschaft erlebbar und begehbar zu machen.

Gestartet wird im unterfränkischen Schollbrunn, dort wo zwei europäische Kulturwege, die Mühlenstraße Haseltal (fünf Kilometer) und der Kulturweg Schollbrunn (vierzehn Kilometer) nebeneinander liegen. Verzahnt man beide Wege so kann man eine abwechslungsreiche 38 Kilometer lange Rundroute genießen. Idealerweise startet man am Wandermarktplatz der vor den Toren der 1281 erstmals erwähnten Kommune eingerichtet wurde. Neugierig macht das Leitthema des ersten Abschnittes: „Südlich des Äppeläquators“. Schollbrunn liegt nämlich an eine der bekanntesten Sprachgrenzen Deutschlands, dem main- und rheinfränkischen Dialekt – doch dazu später mehr. Empfehlenswert ist es zudem die Wanderung nicht zu früh anzugehen, damit man die reelle Chance hat, just in time zu den Öffnungszeiten der ersten Einkehrstation (11.00 Uhr) in der Kartause  Grünau aufzuschlagen. Es wäre schade, wenn man diese Gelegenheit nicht wahrnehmen würde.

Am mächtigen Kastanienbaum, kurz vor der Ortseinfahrt ist der Wanderparkplatz eingerichtet
Willkommen im Naturpark Spessart
Äppeläquator – Sachen gibt es……..

Man folgt zunächst der auffälligen Wegekennzeichung in nordwestlicher Richtung und erreicht nach einem Kilometer einen kleinen Wildpark. Schon im Mittelalter unterhielten die Landherren Wildparks, um die Versorgung des Hofes mit Frischfleisch sicherzustellen. Heutzutage sind Parks ein Teil des Naherholungskonzeptes und sprechen insbesondere Familien an.

Regionaltypisches Sandsteinkreuz am Wegesrand
Ein stattlicher Bewohner des Wildparks
Auf Augenhöhe mit dem Schwarzkittel
Stilgerecht die Begrüßung am Waldeingang

Weiter geht es durch die dichtbewaldete Spessartlandschaft über den Kropfberg.  Allemal empfiehlt es sich die gekennzeichnete Strecke zu erweitern, um die Außenstation des Kulturweges, den Äppeläquatorgedenkstein, einzubeziehen. Auf einer Linie von Wertheim nach Schollbrunn verläuft nämlich die Sprachgrenze zwischen Untermainländisch und Unterfränkisch. Hier wird aus „Äppelwoi“ „Oepfelmoust“.  So gibt es in Würzburg ein Unterfränkisches Dialektinstitut, welches sich allumfassend mit den Feinheiten der fränkischen Dialektsprache beschäftigt.

Schon ein etwas merkwürdiges Design – das untere Emblem des Europäischen Kulturweges
Ein 270 Jahre alter Grenzstein
Totholz lebt auch. 1.300 Käferarten und 1.500 Pilzarten dient es als Lebensraum
Herrliche Wanderwege
Der Preis des sommerlichen Wassermangels – Herbstfeeling Anfang August
Der Äppeläquator
Komplexe Sprachräume in Unterfranken

Streckenerweiterungsbedingt hat man darüber hinaus fern der gut ausgebauten Wirtschaftswege die Chance den ein oder anderen Wurzel- und Hohlweg zu begehen um anschließend in südlicher Richtung des Kropfbachtal zu erwandern.

Während oben das Grün noch leuchtet….
entfaltet sich unten ein herbstlicher Blätterteppich – Jahrhundertsommer 2018 sei Dank
Spessart bizarr
Auf den Spuren des berühmten Wilderers
Veralgte Waldpfützen

Nach etwas mehr als elf Kilometer hat man das Gedenkkreuz einer Spessartlegende erreicht. Die Rede ist vom legendären Wilderer Johann Adam Hasenstab. Vor 200 jahren trieb der Erzwilddieb Hastenstab jahrzehntelang sein unstetes Wesen in den riesigen Waldungen des Spessarts. Mit den Forstbeamten bestand er manch hartes Gefecht um ebenso schnell und wieder spurlos zu verschwinden. 1770 konnte er bei einer gezielten Hetzjahgd aufgespürt und eingekreist, und da er sein Pulver verschossen hatte, nach verzweifelter Gegenwehr gefesselt werden. Er wurde lebenslang nach Neu-Holland, einer Insel Neu-Guineas verbannt. Wie er nach drei Jahren von dort fliehen konnte ist unglaublich und tollkühn. Scheinbar hatten ihn Seefahrer nach hamburg geschmuggelt und ab 1773 machte der Wilderer wiederum den Spessart unsicher. An der Stelle, wo sich heute das Kreuz befindet wurde er im gleichen Jahr vom Bischbrunner Forstmeister Sator nach hartem Gefecht erschossen. Heute kann man auf einem 65 Kilometer langen Wanderweg, den Hasenstabweg, auf den Spuren des  legendären Schlitzohrs wandern.

Hier wurde der berüchtigte Wilderer gemeuchelt

Langsam verjüngt sich das Kropfbachtal. Das Tal wird enger, der Wald dichter, die Pfade uriger. Auf den letzten drei Kilometern zur Kartause Grünau erlebt man einen formvollendenden Wandergenuß. Wurzelpfade, eingeplankte moosbewachsene Sandsteine, knorrig verformte Bäume, die den Kropfbach flankieren –  Wanderspaß pur.

Zur Kartause – ein ehemaliges Kloster des Kartäuserordens
Herrlichste Waldwege bei tropischen Temperaturen
Immer dem Kropfbach entlang

Elisabeth von Wertheim gründete 1328 die Kartause Grünau, die bis zum Bauernkrieg im Jahre 1525 ihre Blütezeit erlebte. Wechselhaft die weitere Geschichte. Einschneidende Veränderungen durch die Reformation, Inbesitznahme durch die Schweden, Rückeroberung und letztendlich Auflösung im Jahre 1803 im Zuge der Säkularisation. Heute ist das Areal ein beliebtes Ausflugsziel, denn es lässt sich vortrefflich tafeln in dem hier ansässigen Gasthof.  Selbst die Biergartentische sind hier vorreserviert, ein Indiz für die Beliebtheit dieser gastlichen Stätte.

Blick über den Teich zur Kartause
Die Ruine des ehemaligen Klosters
..hier lässt man sich gerne nieder
Schluckspechte gibt es auch im Spessart
Auch im Kloster wurde seinerseits gemahlen

Gut gestärkt geht es zunächst in Schleifen den Kirchelberg hinauf um nach Querung der Ortsmitte von Schollbrunn den zweiten Kulturweg, die Mühlenstraße Haseltal unter die Schuhsohle zu nehmen. Arm der Landstrich, reich an Wasser. So lag es nahe dass seinerseits an den Gewässern Mühlen errichtet wurden. Heutzutage sind alle vier auf dem Pfad liegenden Mühlen bewirtschaftet, wobei eine Mühle noch heute Mehl für die umliegenden Bäckereien mahlt.

Auf lange nicht begangenen Wegen geht es hinüber zum nächsten Kulturweg
Abrasiert die Felder
Entlang des Äppeläquators
Schollbrunner Sandsteinkunstwerk
Und wieder geht es hinein in den mächtigen Spessartwald
Dieses Wegekreuz hat auch schon einige Jährchen auf dem Buckel

War der erste Kulturweg noch allerbestens markiert, so kann man den Mühlenweg nicht ohne Karte beziehungsweise GPX-Datei absolvieren, da der Wegeverlauf leider nicht oder nur sehr unzulänglich gekennzeichnet ist. Von Schollbrunn, welches auf einem Höhenplateau liegt, geht es steil abwärts durch den Steinwald zur ersten Mühle, der Zwieselmühle. Bereits 1424 wurde diese Mühle in Kirchenbüchern erwähnt und seit 1906 betreibt man hier eine Gaststube.

Die Zwieselmühle im Haseltal – heute jedoch geschlossen
..Aber zwei Kilometer weiter wartet schon die nächste Einkehrstation

Weiter geht es zur gerade einmal zwei Kilometer entfernten Schleifmühle, die von 1694 bis 1974 in Betrieb war. Aus der Schleifmühle stammte übrigens der Förster Sator, der den Erzwilddieb zur Strecke brachte.  Statt rotierende Mühlensteine  kann man hier seit 1970 einen glühenden Zapfhahn bewundern, jedoch ausschließlich von Donnerstag bis Samstag.

Beliebt war er nicht – der Förster Sator
Fast schon ein Bergidyll
Die Schleifmühle – aber aufgepaßt: neuerdings Sonntags geschlossen

Einen Kilometer weiter passiert man den Baumgartshof einen der ältesten Höfe im Südostspessart. Weiter geht es in südlicher Richtung durch den schattigen Spessartwald hinab zur Schreckemühle, die bis zur Säkularisation zum Kloster Grünau gehörte. Sie ist heute die letzte Mahlmühle im Haselbachtal. Darüber hinaus empfiehlt sich auch ein Besuch des hier untergebrachten Gasthauses.

Vorbei am Baumgartshof..
..und hinab zur Schreckemühle
Dieses Bier muß einfach gut schmecken….
Hund müßte man sein…..
Praktikable Bauweise eines Förstersitzes

Ebenso zur Kartause gehörte die in unmittelbarer Nachbarschart gelegene Nickelsmühle die sowohl Mahlmühle als auch Schneidemühle für Sägearbeiten war. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Sägemühle mit einer hochmodernen Dampfmaschine ausgestattet. Heute dampfen nur noch die Kochtöpfe auf dem Herd. Allemal empfiehlt es sich hier eine Rast einzulegen, denn hier kann man bodenständige Spessartküche genießen.

Die Nickelsmühle

An der Pforte des Haseltals setzt die Ruine der Markuskapelle den kulturellen Schlußpunkt. 1525 im Bauernkrieg zerstört und seitdem nicht wieder aufgebaut, da als Besitzer der protestanische Graf von Wertheim eingetragen war, steht die ehemalige Kapelle heute als kulturhistorisches Denkmal an der hier vorbei führenden Landstraße.

Eingangspforte zum Haseltal
Der Innenhof der ehemaligen Markuskapelle…
..und hier die äußeren Mauerreste
Vier Mühlen auf einen Streich – für Fußkranke auch mit dem Auto erreichbar

Von der Markuskapelle hat man in knapp drei Kilometern erneut die Kartause Grünau erreicht. Über eine schöne Waldpassage geht es abermals zurück nach Schloßbrunn. Nach insgesamt 38 Kilometern und gut gangbaren 800 Höhenmetern ist der Wandermarktplatz erreicht.  Zwei Kulturwege im Doppelpack. Eine sehr zu empfehlende facettenreiche Wanderpassage, zur Nachahmung hochgradig empfohlen.

Noch einmal geht es durch den dunklen Spessartwald..
..bevor erneut die Kartause erreicht wird
Diese Bank schmeißt so schnell niemand um
Nach 38 Kilometern ist der Wanderparkplatz bei Schollbrunn erreicht

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