Zell am Main, den 14. Mai 2021 – Ein ZweiUfer-Panoramaweg – klingt durchaus widersprüchlich, ist es aber nicht. Man schrieb das Jahr 2017 als acht Kommunen im sogenannten “Nördlichen Würzburger Land” sich zusammentaten um die Region zwischen Zell am Main und Retzbach aus dem touristischen Dornröschenschlaf zu wecken. Gemeinsam mit Marketingexperten kreierte man einen neuen Regionalbegriff namens ZweiUferLand – wobei schon die unterschiedlichen Schreibweisen eine gewisse Ambivalenz erzeugen, so wie die neue territoriale Bezeichnung selbst.
Unter Nutzung der bestehenden Infrastruktur lag es dabei auf der Hand, auch den Wandertourismus als gangbaren Einstieg in die bemerkenswerte Region zu bedienen. So wurde ein 47 Kilometer langer Panoramaweg entwickelt, angereichert mit Zu- und Abwegen und Rundwanderwegen zu den jeweiligen ZweiUfer-Gemeinden. Sonnenverlaufsunterlegt wird empfohlen frühmorgens in Zell am Main zu starten, um den Weg im Uhrzeigersinn zunächst von Süd nach Nord auf der linken Mainuferseite zu erwandern, um dann am nördlichsten Zipfel auf der gegenüberliegenden Mainseite Richtung Würzburg einzuschwenken. Als Mainstromwanderer ist mir die Region durchaus wohlvertraut, jedoch das Wandern auf den höheren Spessartetagen bietet die Chance auf neue Ausblicke.
Der “Perle des Mains”, wie Zell am Main oftmals genannt wird, haftet folgende Schote an: “Frage: „Woran erkennt man zwei Zeller in Würzburg?“ Antwort: „Sie laufen nicht neben-, sondern hintereinander.“ Kein Wunder, selbst für den Autoverkehr ist die schmale Hauptstraße von Zell eine Herausforderung. Gut wenn man am frühen Morgen einen Müllwagen hinter sich weis, der den gesamten Verkehrsstrom einschließlich Busverkehr lahmlegt, und man komfortabel durch den langgezogenen historischen Ortskern ungestört und in aller Ruhe wandern kann.
Der ZweiUfer-Panoramaweg führt von der Ortsmitte Zell hinauf in den Margetshöchheimer Wald, einem von insgesamt zwei Waldabschnitten auf der gesamten Panoramarunde. Wo Panorama drauf steht, sollte auch Panorama drin sein. Bereits auf den ersten Höhenzügen Richtung Wald kann man sich davon überzeugen, das hier drin ist was drauf steht. Schon oberhalb des Stahlbergs kann man eine, für mich neue Sichtachse, auf die Würzburger Festung Marienberg erhaschen. Nach der Waldpassage schwenkt man am Aussiedlerhof Bachellern in die jahreszeitbedingt weitläufig gelbstrahlende Rapslandschaft ein. Obschon der Weg offiziell als Wanderweg deklariert wurde, merkt man dass man sich im Streckenverlauf verstärkt auf die radfreundlichen asphalthaltigen Wirtschaftswege konzentriert hat. So kann man als Wanderer getrost den wesentlich schöneren Parallelpfad auf den Weg zu den Gehöften des Steinhaugshof nutzen.
Von Steinhaugshof geht es zunächst aussichtsreich weiter, um zwischen Erlabrunn und Leinach in einen waldreichen Korridor, dort wo Deutschlands größter zusammenhängender Schwarzkieferwald vorzufinden ist, einzuschwenken. Vorbei am Erlabrunner Käppele, dort wo man abwärts auf die Erlabrunner Mainschleife blicken kann, führt der Weg weiter zum Feldgeschworenentisch und den Resten des ehemaligen Wartturms. Hier kann man, bei Wanderkilometer 15, eine erste aussichtsreiche Frühstücksrast mit Blick auf auf das untenliegende Leinach einlegen. Nach der Rast ist vor der Rast. Erneut ist Perspektivenwechsel angesagt. Vom Mühlberg geht es abwärts zum Eschberg. Hier genießt man weitläufige Panoramablicke über das Zellinger Becken und den gewaltigen Muschelkalkbänken, die signifikant die Mainflanke des Retzbacher Benediktusberges prägen. Blicke, mit denen man auf den nächsten fünf Kilometern gen Zellingen/Retzbach gut beschäftigt ist. Der Main liegt zwischen Zellingen und Retzbach, lässt sich jedoch komfortabel über eine Rad/Fußgängerbrücke queren. Ortsbildprägend dominiert dabei die einst von Balthasar Neumann erbaute Retzbacher St. Laurentiuskirche das Mainuferpanorama.
Manch eine Wanderin oder Wanderer könnte, mit Blick auf die Karte geneigt sein, die Panoramawanderung gen Retzstadt (nicht Retzbach!) abzukürzen, um der offiziellen Alternative, die unter Wegealternative 6a gen Thüngersheim verläuft, zu folgen. Hiervon ist dringendst abzuraten, denn der Gang von Retzbach gen Retzstadt, rund um das Retztal, ist das Sahnehäubchen des gesamten Panoramaweges. Wo sonst als hier hat man die Möglichkeit mit einer 300 Grad-Panoramaperspektive den Spessart, die Rhön und den Steigerwald auf den Radarschirm zu nehmen. So sollten sich Abkürzungsfetischisten zurücknehmen und die Bürde der zusätzlichen Kilo- und Höhenmeter ohne Groll auf sich nehmen. Höhepunkt ist im wahrsten Sinne des Wortes der 350 Meter hohe Tote Mann, ein optimaler Punkt für eine zweite Frühstücksrast oder erster Mittagspause, je nach Biorhythmus.
Vom Breitfeld geht es aussichtsreich abwärts hinab nach Retzstadt. Unverkennbar, dass die fränkische Gemeinde vom Weinbau geprägt ist. Versteckt in einem Nebental der Mainlandschaft wird hier bereits seit 814 Wein angebaut. So genießt der Retzstadter Langenberg einen exzellenten Ruf über die Grenzen der Region hinaus. Von Retzstadt, dem östlichsten Punkt dieser Panoramaexkursion, geht es strukturell, nach einem graduellen Anstieg auf die Breitfeldhöhe, abwärts durch die Weinlandschaft oberhalb von Thüngersheim und weiterführend in die Umlaufbahn der fränkischen Fastnachtshochburg Veitshöchsheim.
Folgt man der offiziellen Streckenführung in Veitshöchheim dann würde man, hart Kante am Schloßpark vorbei, den Ölberg erklimmen um unterhalb des Schenkenturms den Rundblick am Schenkenfeld einfangen. Jedoch diesen Mehraufwand kann man sich schenken, nachdem man schon prall gefüllte 44 Kilometer und 940 Höhenmeter absolviert hat, denn der dortige Ausblick verspricht nicht wirklich einen Mehrwert und der damit verbundene Rückweg nach Zell durch das untenliegende Industriegebiet gestaltet sich höchst unattraktiv. Besser ist es durch den Veitshöchheimer Schloßgarten zu flanieren, um im Anschluß am Mainufer des Neuen Würzburger Hafens über die Laurentiusbrücke zurück nach Zell am Main zu wandern.
ZweiUfer-Panoramaweg – es wurde geliefert. Was drauf steht ist auch drin. Aussichtsreich und mit überraschenden neuen Perspektiven ist der Panoramaweg eine wohlweisliche Empfehlung für Alle, die die fränkische Weinregion nördlich von Würzburg neu entdecken möchten. So “frisch” der beworbene Wanderweg , so spürbar sind noch die Kinderkrankheiten. Der Asphaltanteil ist zu hoch, was jedoch nur für diejenigen relevant ist, die meinen den Weg an einem Stück absolvieren zu müssen. Ausbaufähig ist allemal die Wegekennzeichnung. Teilweise irreführend (durch die Markierung von Zu- und Abwegen zu den einzelnen Gemeinden (was man durch einen farbliche Absetzung lösen könnte)); teilweise mangelhaft bis fehlend. Ausgezeichnet ist die im Internet veröffentlichte detailreiche Wanderkarte, jedoch zum Ausdrucken absolut ungeeignet. Coronabedingt sind zudem derzeit die örtlichen Rathäuser wie Hochsicherheitstrakte abgesperrt, so dass man keine Chance hat sich vor Ort diese nützliche Karte zu besorgen. Ungeachtet dieser heilbaren Positionen, wer einmal neue Aussichten sucht, hier ist man zweifelsohne richtig unterwegs.
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