Vom Rausch der Stille zum Geist des Hopfens

Ehingen, den 02. September 2026 – Der Gedanke ist bestechend und es wundert, dass noch niemand auf diese Verbindung gekommen ist, denn es gibt mehr Gemeinsamkeiten als man sich vorstellen kann. Vor fünfzehn Jahren wurde vor den Toren von Ehingen ein 51 Kilometer langer Besinnungsweg eingerichtet und bereits zwei Jahre zuvor eröffnete man einen vierzehn Kilometer langen Bierwanderweg in einer Stadt, die sich mittlerweile selbst als Bierkulturstadt vermarktet.

Verbindet man beide Wege, so kann man in einer sportlich und mental herausfordernden zweitägigen Variante 78 Kilometer und 1.700 Höhenmeter unter die Wandersohle nehmen, und taktisch aufgeteilt fünf Brauerein frequentieren, die nach eigenen Angaben insgesamt 43 Biere im Ausschank offerieren. Vom Sinn des Lebens zum Grund des Glases. Kllingt zunächst befremdlich, ist es aber nicht. Betrachtet man die Geschichte des Bieres so läßt sich historisch belegen, dass das flüssige Gold nie nur ein Getränk des Exzesses war, sondern seit jeher auch ein Elexier der Entschleunigung und der inneren Einkehr. Bei den Mönchen diente das flüssige Brot nicht der Berauschung, sondern der Stärkung von Geist und Körper in der meditativen Fastenzeit. Zwei scheinbar konträre Themenpfade, die jedoch mehr verbindet als man glaubt. Einerseits Schweigen, Selbstprüfung und der Blick in die eigene Seele – andererseits Stammtisch, Schaumkrone und Bierfilz auf der anderen Seite. Jedoch, es ist kein Widerspruch, denn Besinnung und Bier gehören zusammen wie Geist und Körper, wie Kloster und Brauhaus, wie Buße und Brotzeit. Am langen Ende stellt man sich auf dem Besinnungsweg den großen Fragen des Daseins, während der Bierpfad verhindert, daß man an den Antworten verdurstet.

Taktisch einzuplanen sind natürlich im Gesamtkontext die Aufenthalte in den jeweiligen Brauereibetrieben. So geht es am ersten Tag von Ehingen aus zunächst auf den Besinnungspfad Richtung Altsteußlingen. Man wandert durch das Biosphärengebiet Schwäbische Alb auf einem Weg, der stille Dörfer, Wälder und Streuobstwiesen, Kirchen, Kapellen, Bildstöcke und Kreuzwegsstationen verbindet.

Start im Zentrum von Ehingen
Als dieses Haus gebaut wurde, gab es in Ehingen mehr als zwanzig Brauerein. Ob der ausführende Architekt selbige zu oft frequentierte ist angesichts der Schieflage des Balkenkontruktes nicht überliefert
Optisch akkurat hingegen dieses Objekt
Die Schmiech, ein Donauzufluß, mäandert durch den Altstadtkern
Fehlanzeige. In Ehingen ist keine Bauwut ausgebrochen. Hier werden Kräne gebaut, wie auch der größte Raupenkran der Welt
Nach rund fünf Kilometern ist der offizielle Einstieg in den Besinnungsweg erreicht
Zunächst geht es Richtung Altsteußlingen
Bäume als Stätte der Besinnung. Sie stehen für Erdung, Ruhe und Verwurzelung
Die Stoffelbergkapelle – die erste sakrale Stätte entlang des Weges
Außergewöhnlich gestaltet ist auch der begleltende Stationsweg
St. Martin – eine kleine aber schmucke Dorfkirche in Altsteußlingen
Hinter Altsteußlingen wird es spannend, denn man taucht ein in den Riedgraben eines albtypisch felsdurchsetzten Abschnittes
Als Nichtpilzkenner wieder etwas dazugelernt. Der Kelchbecherling steht auf der Roten Liste bedrohnter Pilzarten
Kalkstein prägt die Ehinger Alb
Aufwändig angebracht die Beschilderung des Besinnungsweges. Jedoch in toto ist die Wegekennzeichnung nicht immer akkurat

Auf der Alb muß die Stille nicht erst als Wellnessleistung gebucht werden. Sie ist einfach da. Sie steht zwischen den Bäumen, liegt über den mittlerweile abgernteten Feldern und sitzt auf den Bänken, als hätte sie alle Zeit der Welt. Keine einzige Menschenseele ist an diesem Tag entlang des Weges anzutreffen, fast so als wäre es eine eingepreiste Inszenierung der Wegegestalter. Man hört seine eigenen Schritte, hie und da einen Vogel, das Rauschen des Waldes bei leichtem Windgang und das Gurgeln kleiner Rinnsale. Ab und an sind Informationstafeln eingebracht – mit vertiefenden Informationen zur Landschaft beziehungsweise zu historischen Gegebenheiten, allsamt eingehegt mit besinnlich-philosophischen Erkenntnissen. Die Landschaft selbst entfaltet zumindest am ersten Wandertag keine dramtische Selbstinszenierung. Sie ist einfach nur da.

Die Farbe Grün gilt als die beste Farbe um die Augen zu entspannen
Jedoch die herbstlichen Vorboten sind unübersehbar – Brauntöne überlagern langsam das wohltuende Grün
Dieses Schwedenkreuz erinnert an die grausigen Greueltaten des dreißigjährigen Krieges
Wolken verändern ständig ihre Form. Sie erinnern uns daran, dass Gedanken, Gefühle und Sorgen vorüberziehen – wie das Leben selbst.
Ein typisches Lothringer Kreuz am Hudelweg
Eine schwierige Diskussion die auch auf der Schwäbischen Alb geführt wird: Dürfen Solaranlagen Ackerflächen verdrängen?
Verpeilt vor lauter Besinnung auf dem Besinnungsweg: Eine Stipvisite im Schloß Granheim
Ohne Lesehilfe nicht zu bewältigen – die Granheimer astronomische Uhr mit Temporalstundenlinien im hellblauen Feld

Von Granheim führt der Besinnungsweg auf stillen Pfaden durch einen Waldaschnitt in den benachbarten Weiler Erbstetten. Das man hier abgeschieden lebt, dokumentiert unter anderem der Umstand dass man einen Rufbus anmelden muß, um von hier nach Ehingen zurückzukommen, dort wo nach dieser Wanderung bei Ankunft zwei innerstädtische Brauereien aufgesucht werden, die einerseits Bestandteil des Bierwanderweges sind, und andererseits nach der beschaulichen 35 Kilometer langen Wanderung auch zu der Erkennis führen, dass Zeit auch eine entscheidende Zutat des Bierbraues ist. Denn ein gutes Bier will nicht gehetzt werden. Die Maische muß rasten, die Hefe arbeiten und das junge Bier reifen, denn Hopfen und Malz bestehen bekanntermaßen auf Geduld. So steht nach Ankunft am Busbahnhof in Ehingen zunächst eine Einkehr in die Schwanenbräu an. Gewaltig die Bierkarte die auf den Tischen drapiert ist. Fünf reguläre Biere, vier Saisonbiere und zwei Alkoholfreie sind dabei im Angebot. Einzig irritierend wirkt dass eine Vielzahl von IPAS, darunter 23 Dosenbiere??? von Fremdanbietern noch zusätzlich offeriert werden. Rational gesehen sollte, wer gute Biere braut, es nicht nötig haben durch Fremdprodukte das Portfolio noch aufzupimpen.

Zunächst ein “Beer Flight” mit Kabbermalz zum probieren. Leider muß man sich selbst durchhangeln um welche Sorten es sich handelt. Das Pils, unaufgeregt und profan im Geschmack, das Jubelbier – mild, malzig und einfach lecker – der Gaumen jubelt. Einzig das Zwickel – ein Absturz. Schal im Antrunk, schal im Abgang – entweder das Rest vom Faß oder ein Rohrkrepierer
Jedoch nach dem Beer Flight steht der Lackmustest an – und siehe da, die Hoffnung stirbt zuletzt. Das Zwickel Oak Aged, welches zuvor mit Bourbon-Whiskey vorgelagt wurde – ein Hammerbier und ein regelrechtes Meisterstück. Nicht wirklich erbaulich hingegen ein weiteres Saisonbier das unter Hoppy Helles firmiert. Der Trunk mäandert durch den Rachenraum und will nicht wirklich seinen Weg finden. “Wild und hopfig” so die Beschreibung dieses Bieres, jedoch es bleiben mehr Fragezeichen als signifikante Geschmackserlebnisse im Rachenraum hängen.
Paulas Alb, so der Name des “Lifestyle-Wirtshauses” als Ableger der Brauerei Goldener Adler, die heute noch als eine der fünf Ehinger Brauereien tätig ist
Lediglich ein einziges Produkt der Brauerei Goldener Adler wird hier offeriert. Ein Weizenbier. Sicherlich, die Geschmäcker sind verschieden, jedoch bekennende Weißbiertrinker werden nicht zwingend ihre Freude an dem Getränk haben. Zu bananig der Abgang, zu schwer der Nachhall der sich in der Mundhöhle breit macht. Schön die Atmosphäre in Paulas Alb – nicht wirklich überzeugend hingegen das Hefegetränk. Bemerkenswerterweise werden weitere Biere von der Ehinger Bergbrauerei offeriert, die am nächsten Tag besucht wird.

Der zweite Tag – eine Partie der Superlative. 43 Kilometer und drei Brauereien – eine Kombination des Besinnungsweges von Erbstetten nach Ehingen mit Einflechtung des Bierwanderweges via Berg zur dortigen Brauerei und dem krönenden Abschluß in zwei weiteren Stadtbrauereien. Klingt herausfordernd und ist es auch. Im Gegensatz zur moderaten Streckenführung des Vortages dominiert zum Startbeginn in Erbstetten eine albtypische leicht alpine Streckentextur auf den ersten Kilometern. Steil aufwärts entlang felsiger Pfade schraubt sich der Weg hinauf zur Burgruine Wartstein, dort wo man 150 Meter über dem Tal der Großen Lauter die Blicke schweifen lassen kann. Abwechslungsreiche Passagen über das Hochplateau der Schwäbischen Alb führen anschließend hinüber zum Mundinger Tiefenthal.

Start in Erbstetten, dort wo bereits der Schatten zu früher Stunde signalisiert: es wird wieder sonnig
Und im Waldabschnitt wird das Juragestein von der Sonne markant in Szene gesetzt
Spannend belegt gestaltet sich der Besinnungsweg in diesem Abschnitt
Kurz vor der Aussichtsplattform der Ruine Wartstein
….dort wo die Augen über die Schwäbische Alb wandern können…
…verbunden mit der Aussicht und Einsicht, dass man hier wieder absteigen darf….
Erbaut im 12. Jahrundert und nach dreihundert weiteren Jahren wieder zerstört
Herrliche Pfade führen wieder abwärts
Im Mittel wandert man hier auf einem Höhenniveau von 700 Metern. Von hier aus hat man schon vor Jahrhunderten die Wasserversorgung in der Schwäbischen Alb sichergestellt
Auch dieser Bewohner mag es gerne feucht

Mehrere Installationen bereichern die Wegeführung. Vorbei an einer historischen Gerichtsstätte verzieht sich der Besinnungsweg zunächst in nordöstlicher Richtung bevor man wiederum in die Umlaufbahn des Stoffelberges einschwenkt, um dann in Folge der Fährte des Bierwanderweges nach Berg zur gleichnamigen Brauerei zu wandern. Man könnte auch, wenn man wollte, von der Innenstadt Ehingen direkt nach Berg hinüberlaufen, jedoch bietet es sich an zunächst die Donauschleife via Nasgenstadt zu folgen. Belohnt wird man mit zahlreichen Informationstafeln rund um das Thema Bierbrauen in Ehingen, bevor man in der größten Ehinger Brauerei zu einer Rast einkehrt.

Gedankenstütze am Besinnungsweg. Man soll nichts auf die lange Bank schieben. Die kurze Bank will sagen, daß es aber auch Dinge gibt, die sofort erledigt werden müssen….
Wenn man durch die Installation “Enger und weiter Horizont” durchgeht wird der Boden immer schmaler. So kann es aussehen, wenn man Angelegenheiten des Alltags mit einer positiven Genügsamkeit begegnet
Philosophisches am ehemaligen Gerichtsplatz: Frieden und Unfrieden haben auf das Leben einen großen Einfluß
So ist das Leben. Last aufnehmen und Last ablegen. Der gefüllte Steinkorb nebenan verdeutlicht, daß man eher geneigt ist Last abzulegen
Butzamöckeler nennt man das Gewann am Stoffelberg. Möckel steht für Kopf und der löchrige Kalkstein erinnert zum Teil an Totenschädel
Ehingen dort wo der Besinnungsweg nach einer Verbindungspassage in den “SpazBierweg” übergeht
Innovativ aber unbequem – ein Bierkistensofa
Hart Kante Donauauen
Für Liebhaber des Gerstensaftes ein informativer Rundweg
Und das Wanderbier im Rucksack kann stilgerecht entsorgt werden
Donaukilometer 2.610. Was ungewöhnlich ist, ist die Kilometrierung der Donau, denn hier zählt man ungewöhnlicherweise rückwärts von der Mündung zur Quelle
Nicht nur Bier wirkt sedierend, sondern auch dieses Landschaftsbild
Es war einmal…
Klare Ansage
Der Ehinger Stadtteil Berg ist erreicht
Vorbildlich organisiert ist der Vierer Beer Flight in der Brauerei Berg. Unter den Probiergläsern die Bierbeschreibung nebst Hopfenherkunft. Das Pils – untypisch mild alledings sehr aromatisch im Abgang, während das Hefeweizen prägnant im Antrunk und vollmundig im Abgang ausfällt und an Kuchelbauers Spezialweißbier erinnert. Auffällig unauffällig hingegen das Original Helle, während das Ulrichsbier zunächst bitter im Antrunk ausfällt, jedoch im Abgang rund und vollmundig abschließt.
Sehr zu empfehlen ist das Herbstgold – ein Bier wie ein Donnerhall. Im Antrunk stülpt sich ein dezentes Gerstenmalzaroma über den Mundraum während der Tettnanger Aromahopfen für einen formvollendeten Nachhall sorgt.

Nach der beeindruckenden Bierverprobung in Berg geht es zurück in die Innenstadt von Ehingen, dort wo noch zwei Brauereien auf der Agenda stehen Zunächst geht es zur Brauerei Rössle, vielleicht die bodenständigste Brauerei in Ehingen. Just an diesem Tag und auch wetterbedingt wird nur im Außenbereich bedient. Die langjährige in der Brauerei beschäftigte Bedienung gibt klar den Takt vor, denn bei diesem Wetter wird direkt aus dem Maschinenraum der Brauerei das Bier an den Tisch gebracht – und auch nur eine einzige Sorte – das naturtrübe Helle. Der Schankraum, der nur über eine Treppe erreichbar ist bleibt zu. Hier wird augenscheinlich noch Lokalkolorit gepflegt und zur Nachmittagsstunde domieren überwiegend die heimischen Stammgäste. Der am Tisch sitzende Seniorchef plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen über die Ehinger Bierkultur und gibt interessante Einblicke in die lokalen Bierdynastien. Der hinzukommende Juniorchef und Braumeister signalisiert zudem dass die Braukultur in der historischen Stätte weiterhin ihren Fortbestand haben wird.

Ein Helles vom Rösslebräu – ohne Haken und ohne Schnörkel. Einzig der Abgang ist sehr zurückhaltend. Schade dass an diesem Tage keine weiteren Biere der Brauerei verköstigt werden konnten.
Vorbei am markantesten Gebäude der Stadt geht es hinüber zur gegenüber liegenden Brauerei Schwerdt
Keine Frage – die schönsten Bierdeckel aller fünf Brauerein bekommt man bei der Brauerei Schwerdt. Das Helle, ein sehr süffiges und wohlschmeckendes Getränk, während das Schwert Dunkel, welches sicherheitshalber nur aus einem kleinen Glas verköstigt wird mächtigt zieht. Auch im Schwertbräu geht es eher familiär zu und man fühlt sich im historischen Gastraum rundherum wohl

In der selbsternannten Bierkulturstadt Ehingen treffen zwei Pfade aufeinander. Der Besinnungsweg, der durch die sanfte Natur der Schwäbischen Alb führt, und der Bierwanderweg, der die historischen Brauereien der Stadt miteinander verbindet. Besinnung bedeutet dabei auch, die eigenen Sinne wieder spüren zu lernen. Auch das Betrachten der Bernsteinfarbe im Glas, das Riechen an den feinen Hopfenaromen, das Wahnehmen der Geschmacksvielfalt im Gaumen – all dies ist ebenso eine Form der Achtsamkeit. Der Besinnungsweg fragt dabei: Wohin gehen wir hin? Und der Bierwanderweg weist Richtung Biergarten. Das Bier schlägt dabei die Brücke zwischen Verstand und dem Bauch. Ein kühles Bier nach einem Weg der Besinnung ist daher kein Stilbruch, sondern die schmackhafteste Form der Danksagung an das Leben mit seiner Vielfalt.

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