Rund um Föhr

Föhr im August 2019 –

Feer, so die friesische Bezeichnung der 83 Quadratkilometer großen und damit größten deutschen Insel ohne Landverbindung. Die grüne Insel, gelegen im Windschatten von Amrum und Sylt ist eingerahmt von 22 Kilometern grachsbewachsenen Deichen und 15 Kilometer Sandstrand. Eine Stadt und 16 Ortschaften. Drei Sprachen werden hier gesprochen: Friesisch, Plattdeutsch und Hochdeutsch, Legendäre Walfänger und Grönlandschiffer waren hier im 17. und 18. Jahrhundert beheimatet und seit zehn Jahren wandern die Föhrer traditionell am Himmelfahrtstag einmal rund um die Insel, die im Herzen des UNESCO Wattenmeer-Weltkulturerbe liegt.

Föhr erreicht man komfortabel via Fähre von Dagebüll aus. Die Überfahrt selbst dauert 50 Minuten und ist im Regelfall unabhängig vom Gezeitenstand, da eine Fahrtrinne ausgebaggert wurde. Hochgradig zu empfehlen ist es bereits die erste Fähre um 05.00 Uhr  zu nehmen, um den schönsten Augenblick des Tages, den Sonnenaufgang über die Wattenmeerlandschaft zu erleben.

Ankunft per Fähre um 5.45 Uhr auf Föhr. Außer einigen Versorgungsfahrzeugen ist die Nutzerfrequenz der Fähre zu dieser Zeit noch sehr übersichtlich.

Fünfundvierzig Minuten vor Sonnenaufgang starte ich am Fähranleger der Inselhauptstadt Wyk. Dem Sonnengang folgend kann es nur eine Marschrichtung geben: gegen den Uhrzeigersinn. Zwar wird es auf den ersten zwanzig Kilometern keine Einkehrmöglichkeit geben, jedoch taucht man ein in beste Lichtverhältnisse und kann die Stille des Wattenmeeres genießen. Wanderguru Manual  Andrack wußte vor zwei Jahren in einem Beitrag zu berichten: „Man muss das ganze nicht schöner reden als es war, die Wanderung rund um Föhr war alles in allem STINKLANGWEILIG!“ Jedoch ist es eben eine Frage der Einstellung wie man sich einem Naturraum nähert.

Zunächst geht es rund um den kleinen Wyker Hafen inklusive Sportboothafen um die letzte Bastion menschlicher Zivilisation, das Föhrer Kultcafe KleinHelgoland zu erreichen. Hier setzt der 22 Kilometer lange asphaltierte Deichweg ein, der bis zum im Westen gelegenen Utersum führt. Die Grasdeichkrone selbst ist den Schafen vorbehalten, von denen es auf der Insel 6.000 Stück geben soll. Wenigstens sorgen Vogelschiss und Schafsknöddel für eine Grunddämpfung des Teerweges.

Heimat ist irgendwie überall..
Ein toller Sonnenaufgang kündigt sich über den Hafen an
Hoch lebe die typisch deutsche Hinweiskultur: „Treibgut und Schafkot“ als deichtypisches Hindernis……
Und diese beiden Kotproduzenten warten gemütlich auf den Sonnnenaufgang…..
Klein-Helgoland 6.20 Uhr – noch zu früh für eine Kaffee – jedoch zu geschäftsüblichen Zeiten werden hier gewaltige Kuchen- und Tortenstücke aufgefahren.
Deichimpression der einfachsten Art
Zur Erinnerung: Das Wattenmeer – ein verbrieftes UNESCO-Weltkulturerbe – als angemessene Würdigung dieser Naturbesonderheit
Vorbildliches Notfallmanagement am Deich
Unbezahlbar -dafür lohnt es sich frühzeitig aufzustehen
Und auch diese Fraktion startet durch

Ideal wäre natürlich ein ordentlicher Wind- und Wellengang um ein typisches Nordseefeeling aufzunehmen. So bleibt es bei Ebbe, Windstille und sommerlichen Temperaturen von 25 Grad einzutauchen in die vom morgendlichen Sonnenlicht illuminierte Wattenlandschaft. Für Vogelfreunde ist das Wattenmeer natürlich ein Paradies. Zehn bis zwölf Millionen Wasser- und Watvögel besuchen jedes Jahr das Wattenmeer.  Spätsommer und Herbst gelten dabei als Hochsaison. Rund drei Millionen Vögel halten sich dann gleichzeitig hier auf.

Abgeschrägt verläuft der 22 Kilometer lang geteerte Deichweg und ist auf Dauer nicht wirklich angenehm zu laufen
Flechtenstruktur in Herzform
Das Wattenmeer – ein einziges Vogelparadies

So geht es zunächst nördlich über die Föhrer Schulte. Entlang der Deichwanderung verdeutlichen sich die Spuren des menschlichen Eingriffes in die Landschaft.  Die zweimal täglich einlaufende  Flut  führt tonnenweise Sand und Schlick mit sich, beinhaltend  feine organische Überreste und gemahlene Sedimente. Dieses Material lagert sich am Boden ab.  Um die Bodenbildung durch natürliche Sedimentablagerung, die sogenannte Aufschlickung, zu intensivieren, legt man sogenannte  Lahnungsfelder an. Lahnungsfelder werden gewonnen, indem parallele Holzpfahlreihen in den Sedimentboden getrieben werden,  zwischen die Äste und Zweige geflochten werden.

Das Wattgelände wird auf diese Weise in Lahnungskarrees unterteilt, in denen das anschwemmende Wasser an Fahrt verliert und seine Schwebeteilchen sedimentieren. Das Wasser läuft aus, doch die Lahnungen behalten die Sediment-Teilchen ein. So nimmt der gewonnene Boden allmählich an Höhe zu.

Die klassische Landgewinnung
Hier bilden sich die Lahnungsfelder aus
Durchaus eine sportliche Herausforderung für die Wollträger

In der Zone 1 des  Wattenmeernationalparks erreicht man das Midlunder und das Toftumer Vorland, die als Vogelschutzgebiete ausgewiesen sind und nicht betreten werden dürfen. Als Early-Bird-Starter hat man den Vorteil, daß zu früher Morgenstunde noch niemand unterwegs ist. So haben sich am asphaltierten Deichweg zahllose Vogelschwärme niedergelassen, denen man zwangläufig über den Weg läuft.

Ab und an könnte man ein 600mm Objektiv gebrauchen
Am langen Ende sind es zwei Farben die diese Insel besonders prägen
Ein rätselhafter Grenzstein
Während sich 6000 Schafswollträger ungebremst am Deichweg auslassen
..ist die Vorrichtung für Zweibeiner mit Spanngurten gesichert. Der nächste Sturm kann kommen….
Entlang der Deichabschnitte ist es glücklicherweise sehr sauber. Umso schändlicher der Blick hinter die Deichkrone.
Land in Sicht! Die Südspitze von Sylt läßt grüßen
Hier scheint es klar zu sein, aus welcher Richtung der Wind weht
Auch wenn es den Anschein erweckt….
Ein Strand ist hier nicht wirklich vorzufinden. In diesem Abschnitt kann man zu bestimmten Zeiten eine naturbelassene Zone betreten
Wattstimmung I
Deichstimmung I
Tektonische Verschiebungen? Verpresste Schichten aus der Eiszeit? Weit gefehlt – erkaltete Teerschicht, die zur Deichsicherung verwendet wurden
Geteiltes Deutschland

Bei Großdunsum verlasse ich den Deichweg um einen Bypass über Süderende zur St. Laurentiikirche aufzunehmen, um die „sprechenden Grabsteine“ am dort befindlichen Friedhof zu besichtigen. Auf den aufwändig gestalteten Grabplatten sind die Lebensdaten der Verstorbenen, deren familiärer Hintergrund, die Fahrten auf den Weltmeeren und sonstige tragende Ereignissse hinterlegt.

Erste Zeichen menschlicher Zivilisation
Lehm sei Dank ist in Norddeutschland der gute alte Ziegelstein erste Wahl bei der Baustoffwahl
Natürlich bereichert mit einem klassischen Reetsdach
Nordfriesland – ein einziges Hagebuttenparadies
Die St. Laurentiikirche
Die berühmteste Grabplatte von allen: Matz Peters der im 17. Hahrhundert 373 Wale vor Grönland fing.
Sprechende Grabsteine im wahrsten Sinne des Wortes

Nach einer ausgedehnten Besichtigung geht es westlich zurück nach Utersum, dort Ort, wo der Deichweg endet und das Strandgebiet einsetzt. In Utersum kann man zudem die schönsten Sonnenuntergänge Föhrs bewundern. Obschon erst Ende August und noch sommerliche Temperaturen – Utersum wirkt zu dieser Mittagsstunde wie ausgestorben. Einige wenige Strandkörbe sind belegt, die Wattläufer kann man einer Hand abzählen, einzig ein reger Fahrradtraffic, scheinbar aus Wyk kommend ist zu beobachten. „Die NRW-Ferien sind rum“, so der Kommentar einer Servicekraft an einem Strandkiosk zu dem überschaubaren Geschäftsbetrieb.

Von Utersum ist es scheinbar ein Katzensprung hinüber nach Amrum. Von hier aus werden auch Wattwanderungen zur Nachbarinsel angeboten
Gefühlt scheint nur noch jeder zehnte Stranskorb belegt zu sein
Das Wasser geht – der Mensch kommt
Freigelegtes I
Freigelegtes II
Freigelegtes III

Unterhalb von Witsum führt ein Radweg durch die Niederungen des Vogelschutzgebietes Godel. Explizite Wanderwege gibt es hier nicht, der Fokus liegt hier zweckmäßigerweise auf Zweiräder. Bei Goting lohnt sich auf alle Fälle ein Schwenk nach Nieblum, ein malerisches friesisches Dorf mit vielen historischen Reetshäusern.

Ein seltener Anblick auf der Insel – Geäst
Auf dem Weg nach Nieblum kann man menschliche Spuren der Vergangenheit besichtigen
Inselaktivitäten I
Inselaktivitäten II
Die Insel strahlt schon eine gewisse Beschaulichkeit aus
Nieblum – ein wunderschönes Dorf mit einer Vielzhahl historischer Bauten

Richtung Bredland schwenkt in einen strandnahen Bohlenweg ein, der in den Südstrand von Wyk einmündet. Vorbei am Südstrand passiert man das Meerwasserhallenbad, das Kurmittelhaus und diverse Rehabilitationskliniken. Analog dem Bild in Utersum ist trotz bester Wetterlage Ende August das Strandleben sehr überschaubar.

„Diar es neen wai so gleed, dat et saacht ei ens knoltert, wie der Friese zu sagen pflegt.“ Kein Weg ist so eben , daß es nicht einmal holpert. So geht es auf Bohlen Richtung Inselhauptstadt
..um anschließend in geteerte Schräglage überzugehen
Wenn das mal gut geht – FKK-Strand meets Hundestrand
Unverbaubarer Strandausblick am Ortsrand von Wyk
Auch in Wyk ist Ebbe beim Strandkorbverleih
Und für die Strandgastronomie ist die Saison gelaufen

Reger Betrieb ist in den Fußgängerzonen von Wyk zu verzeichnen. Strandkörbe die auf dem Grünstreifen des Strandboulevards aufgestellt sind unterstreichen dabei das vielfältige Angebot der hier ansässigen gastronomischen Einrichtungen. Das gehobene Alterssegment überwiegt, entsprechend angepasst auch die Unterhaltungslinie am Musikpavillion.

Dagegen herrscht in der Wyker Innenstadt noch reges Treiben
Der Plastiknachschub für die Weltmeere ist sichergestellt…….
Eine Marketingagentur haftete 2013 der Insel das Etikett „Friesische Karibik“ an. Ob man der grünen Insel damit wirklich Rechnung trägt möge an anderer Stelle beurteilt werden
Per Fähre geht es zurück auf das Festland

Nach 46 Kilometern ist die Inselrunde, unterlegt mit zwei Schlenkern abgeschlossen. Sicherlich, Föhr ist keine Wanderinsel im klassischen Sinne. Zwei Komponenten prägen die Landschaftstextur: das Wattenmeer im nordöstlichen Abschnitt  und die Strände im südlichen Korridor. Das nordfriesische Eiland glänzt als angenehmer Erholungskorridor für Familien, Senioren, Rehabilitationspatienten  und Genußradfahrer. Speziell für Wanderer eröffnen sich im nahen Umfeld interessante Alternativen zu spannenden Exkursionen, über die an anderer Stelle berichtet wird.

 

 

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