München, den 22. Mai 2026 – Selbst Einheimische erleben es immer wieder: Man glaubt, seine Stadt zu kennen und kennt sie doch nicht. Genau hier setzt der München Trail an. Bereits 2018 entwickelte eine Münchner Agentur Deutschlands ersten Langstrecken-City-Trail, der auf offiziell 113 Kilometern durch fünfzehn Stadtteile führt und in zehn Abschnitte eingeteilt wurde. Die Idee dahinter war ambitioniert: nachhaltige Mobilität fördern, Besucherströme entzerren und München abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten erlebbar machen. Statt ausschließlich Marienplatz, Hofbräuhaus und Viktualienmarkt stehen versteckte Grünzüge, historische Viertel, Biergärten und urbane Rückzugsorte im Mittelpunkt.
Ungewöhnlich die Jahreszeit für einen Urban-Hiking-Trail, denn normalweise sind derartige Exkursionen eher für die Randzeiten außerhalb der üblichen Wandersaison geeignet. Jedoch, für München gelten andere Spielregeln. Denn gerade wenn sommerlich anmutendes Wetter angesagt ist, dann ist die bayrische Metropolregion prädestiniert für eine intensive Stadterkundung wie diese dreitägige Exkursion auf final 127 Kilometern eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Da es sich in toto um einen Rundkurs handelt kann man einsteigen wo man möchte, am langen Ende entscheidet die Etappenaufteilung, und die Anbindung an den ÖPVN wo man starten möchte.
Von Vorstadtvillen zu Herbergshäuschen
Los geht es an der St. Emmeramsmühle, ein gediegener Edelbiergarten mit authentischer Küche, der als volltrefflicher Zielabschluß der gesamten Tour hochgradig zu empfehlen ist. Vor dem Mittleren Isar-Kanal plätschert der Brunnbach durch den naturbelassenen Münchner Stadtteil Oberföhring. Fernab des quirligen Innenstadtbereichs geht es hier gediegen zu. Über die Brunnbachleite erreicht man Bogenhausen, dort wo die Promidichte besonders hoch ist und selbst die Garagen die Ausmaße von Einfamilienhäusern haben. Zu früher Morgenstunde ist das Viertel noch im Dämmerzustand und man ist gut beraten als durchziehender Wanderer leise aufzutreten um nicht verhaltensauffällig sein. Die feudale Opitzstraße querend geht es abwärts zur Isar und man taucht ein in einen herrlichen Isaruferweg, der im Folgenden zu den Maximiliananlagen führt, dort wo der goldene Friedensengel als eines der markanten Wahrzeichens Münchens über der Prinzregentenstraße schwebt.








Der rauschenden Isar folgend erreicht man den Sitz des bayrischen Parlaments, das Maximilianeum, ein gewaltiges Monument, welches aktuell bis 2032 saniert und energetisch ertüchtigt wird. Just hinter dem Regierungsgebäude liegt am Wiener Platz der Biergarten des Hofbräukellers und die bayrische Staatszeitung berichtete schon vor Jahren dass dieser Biergarten die höchste Politikerdichte Münchens aufweist, was während der Sanierungsmaßnahmen eher noch zunehmen sollte. Hier könnte vielleicht auch der Ursprung der Begrifflichkeit “Stammtischpolitik” liegen. Quasi um die Ecke kommt man in die Preysingerstraße und wenige Schritte von der bayrischen Schaltzentrale entfernt betritt man eine andere Welt. Haidhausen pur – Dorfidylle inmitten der Metropole. So wandert man rund um Haidhausen, touchiert den Ostbahnhof am Orleansplatz, eine für Münchener Verhältnisse eher versiffte Ecke, um vorbei am Glaspalastbrunnen hinüber zum südlichen Teil des Englischen Gartens zu wandern. Am Gasteig quert man die Praterinsel, um sich an der wieder intakten Eisbachwelle die Großstadtsurfernzu beobachten.











Szenenwechsel: Von der Residenzstadt in ehemalige Arbeiterviertel
Münchner Bäche leiten durch die nächsten Stadtviertel – von der Altstadt kommend über Lehel, Au und der Isavorstadt nach Giesing. Zwischendrin eine Stippvisite in dem Korridor der im Allgemeinen als touristischer Hotspot weltweit die Marke München geprägt hat. Am südlichen Ende des Englischen Gartens, dort wo ein japanisches Teehaus eingebracht ist geht es quer durch den Hofgarten, um im das Stadtzentrum zu queren. Am Marienplatz etwa ist man sofort umzingelt von jener Sorte Stadtkern, die so sehr für Touristen gemacht ist, dass die Stadt selbst fast vergessen hat Stadt zu sein. Glockenspiel, Menschenmassen, Selfie-Sticks – ein choreografiertes Kaleidoskop eines Stadtbildes, das sich selbst ständig reproduziert. Geht man Richtung Viktualienmarkt, wird das Ganze kulinarisch dekoriert. Regionale Identität als Marktplatz, auf dem sich Tradition und Bio-Zertifikat gegenseitig abklatschen. Hier kauft man nicht nur Lebensmittel, sondern das beruhigende Gefühl ein, noch irgendetwas Authentisches zu konsumieren. Natürlich ist auch das längst Teil der Inszenierung, aber immerhin eine sympathische, weil der Geruch von Obatzten und Leberkäs real ist. So ist man gut beraten zügig das Areal zu queren, um abseits der touristischen Trampelpfade wieder dort einzutauchen, wo München sein wahres Gesicht zeigt.
















Raus aus dem Trubel. Weg von Lärm und Getöse. Vom Viktulienmarkt geht es südwärts, die Museumsinsel querend hinein in den grünen Korridor am Auer Mühlbach. Mitten durch die Stadt sprudelt eine der wasserreichsten Bäche mit einer enormen Fließgeschwindigkeit. Kaum zu glauben, dass nur wenige hundert Meter erforderlich sind, um in eine andere Welt abzutauchen. Vorbei am Auer Dult kann man eine Stippvisite am Nockherberg einlegen, dort wo sich an Brautagen eine malzige Glocke über das ganze Viertel legt. Erneut die Isar am südwestlichen Zipfel der Museumsindel querend geht es hinüber zum Glockenbachviertel, dort wo kleine Läden, Kneipen und Cafes für eine besondere Atmosphäre sorgen. Ein Highlight des Tages ist der Gang durch den Alten Südfriedhof – einst als Pestfriedhof angelegt, dann als Stadtfriedhof von München weiterentwickelt und heute als denkmalgeschützes und naturgeschütztes Areal umgewidmet. Ein außergewöhnlicher Ort für Taphophile (diejenigen die gerne Friedhöfe besuchen). Vom Friedhof geht es hinüber zum Schlachthof – klingt makaber ist aber gelaufene Realität. Den Bahnhof München Süd unterquerend tut sich im Vorhof der Großmarkthalle eine neue Welt auf. Denn hier ist der urbane Kunstraum Bahnwärter Thiel und die Alte Utting verortet. Hochgradig zu empfehlen ist, wenn man schon hier in diesem Areal unterwegs, eine Stippvisite in der Gaststätte Großmarkthalle, kurz Wallner genannt. Denn hier gibt die besten Weißwürste. Beeindruckt vom Szenenviertel und sediert vom Weißwurstverzehr ist die abrundende Tagesreststrecke ein wohltuender Entspannungsauslauf. Vis a vis der Großmarkthalle quert man die Isarauen um in den Flaucher einzutauchen. So heißt hier der Isarstrand und so ist auch der 340 Meter langer Steg benannt, der hinüber zum Tierpark Hellabrunn führt. Von der Thalkirchener Brücke geht es aufwärts nach München Giesing, einem ehemaligen Arbeiterviertel welches sich als bodenständiger und angenehmer Münchner Stadtteil weiterentwickelt hat.










Ab in den Süden – Vom Ballzirkus zu den Filmstudios und Agententreffs
Nicht 1860 sondern bereits 1848 wurde der Turn- und Sportverein gegründet, wegen republikanischer Umtrieb (man sprach damals von einer Anstalt der Verpestung) jedoch verboten, 1860 neu gegründet und erst 1899 gründete man eine Fußballabteilung. Erst ein Jahr später gründeten in einem Weinhaus elf Mitglieder des MTV Münchens einen eigenen Fußballverein nachdem sie just am selben Abend ihren ehemaligen Verein wegen Streitereien verlassen hatten. Heute sind beide Vereine in unmittelbarer Nachbarschaft in München Giesing beheimatet – jedoch der Platzhirsch sind eindeutig die 60er. Denn Giesing ist unangefochten die Hochburg der “Löwen”. Just hinter dem Trainingsgeländer Bayern wandert man entlang eines Grünstreifens Richtung Tierpark Hellabrunn um auf einem Höhenweg, der Hochleite, oberhalb der Isar zur südlichen Stadtgrenze von München zu wandern. Ein herrlicher Biergarten, der Gutshof Menterschweige. Jedoch um sechs Uhr morgens kann man hier nur mit geballter Faust in der Hosentasche vorbeilaufen. Hinüber geht es in den Perlacher Forst, der einerseits bei fiktiven Kriminalromanen aber auch in der Realität immer Schauplatz von Mordfällen ist. In der Lebensrealität nutzen Radler gerne das Areal, da die Waldwege hier üblicherweise schnurgerade verlaufen. Einem düsteren Pfad folgend steht man urplötzlich vor den Bavaria Filmstudios, nach dem Potsdamer Studio Babelsberg, das Zweitgrößte in Deutschland.









Über die 42 Meter hohe Großhesseloher Brücke kann man erneut die Fäuste in der Hosentasche ballen, denn bald ist eine der schönsten Biergarten Münchens erreicht – die Großhesseloher Waldwirtschaft. Einst berichtete die Süddeutsche; dass der Biergarten ein legendärer Treffpunkt für Agenten, CIA-Mitarbeiter und BND-Spione war. Hier trafen sich während des Kalten Krieges die Schlapphüte, um bei Bier und Brotzeit geheime Informationen auszutauschen, denn die Zentrale des BND,s lag direkt um die Ecke. In Pullach ist der südlichste Punkt des gesamten Trails erreicht. Hinüber zum benachbarten Großhesselohe geht es zu einem der schönsten Abschnitte des Münchner Trails, dem Isarpfad entlang des Hinterbrühler Sees der bis zum Asam-Schlössel führt, dort man abermals die Faust in der Hosentasche ballen kann, denn wer hier zu früher Morgenstunde aufschlägt, hat keine Chance das als historische Gaststätte umgewidmete Barockschloß aufzusuchen. So geht es unverrichteter Dinge quer durch Thalkirchen hinauf zum Neuhofener Berg, am langen Ende ein zwei Millionen Kubikmeter großer Schutthaufen, wo die Trümmerreste des Weltkrieges zusammengetragen wurden. Propagiert wird ein fantastischer Ausblick auf München, was jedoch verjährt sein muß, denn mittlerweile ist der Ausblick zugewuchert.









Von Bayern nach Asien und zurück zur Zugspitze
Abwärts vom Neuhofener Berg quert man den Harras, dessen Name auf einen historischen Gastwirt zurückzuführen ist, der hier in Sendlingen Mitte des 19. Jahrhunderts am Zapfhahn stand. Historiker verweisen gerne auf die hier in 1705 stattgefundene Sendlinger Bauernschlacht und eine der größten Münchner Stadtkirchen, St. Margaret, ein im italienischen Hochbarock nachempfundener Sakralbau, der die vorbeiziehenden Passanten beeindruckt, die hier zum Westpark weiterlaufen. 1983 wurde der 69 Hektar große Park anläßlich einer Internationalen Gartenbauausstellung auf einer Industriebrache angelegt. Heute ist das Areal ein beliebtes Naherholungsgebiet welcher durch eingebrachte Installationen von asiatischen Partnerstädten, sowie Grillstationen und Biergärten, zusätzlich bereichert wird. Vom Westpark geht es hinüber zur weltlichen Patronin Bayerns und weiterführend zur letzten Ruhestation der ehemaligen Zugspitzbahn, bevor bei zwei drittel der insgesamt 47 Kilometer langen Tagesstrecke man die Faust aus der Hosentasche nehmen kann und der Maschinenraum der ältesten Brauerei Münchens erreicht ist.













Flanieren von Schloß zu Schloß
Zunächst sind Brückenschlösser angesagt. Fahrradschlösser die man am Brückengelände anbringt, wie an der Hackerbrücke, einem der urbansten Sunset-Spots der Stadt. Profis nutzen für den ultimativen Ausblick die Architektur der Bogenbrücke und klettern mit zwei Hellen um Rucksack auf die Querbalken. Jedoch der Wermutstropfen – die Brücke ist versifft und verlottert und hier kann man die größte Ansammlung von Pizzakartons und Burgerschachteln besichtigen. Weiter geht es in den Stadtteil Neuhausen. Hier geht es etwas quirlig und unsortiert zu, jedoch verschiebt sich fast unbemerkt die Szenerie und plötzlich wandert man durch den Stadtteil Nymphenburg. Und spätestens am östlichen Ende des Nymphenburger Kanals, dort wo der Hubertusbrunnen den Schlußakzent zum gegenüberliegenden Schloß Nymphenburg bildet, hat man registriert dass man sich in der guten Stube der Landeshauptstadt befindet. Jedoch das Schloß muss noch einen Tag warten. Zunächst führt ein weitläufiger Abstecher zum größten Biergarten der Welt, dem Hirschgarten. Klare Sache daß hier natürlich auch das beste Bier der Stadt ausgeschenkt wird. Über die Hirschgartenallee geht es zurück in den Schloßpark Nymphenburg. Den Badenburger See südlich umrundend erreicht man hinter der Bahntrasse den Stadtteil Obermenzing und folgt dem Nymphenburg-Kanal bis zur Würm um von dort aus Schloß Blutenburg zu erreichen. Nach einer hopfigen Erfrischung im Inselmühlen-Biergarten ist das Tagesziel, die U-Bahnstation Obermenzing, erreicht.









Königliches Flanieren zwischen Landluft und Olympia
Die letzte Runde des München Trails, die an diesem Tag insgesamt vier “offizielle Etappen” des Langstrecken-City-Weges abdeckt. An der Bahn Station in Obermenzing geht es los direkt hinüber zum Schloß Nymphenburg. Nur eine handvoll Jogger fräsen morgens um sechs Uhr durch den weitläufigen Schloßpark – ansonsten ist noch Stillstand angesagt. Die Wasserbrunnen sind abgedreht, der Blütenstand im Park noch nicht wirklich opulent, das Stadtviertel noch im komatösen Zustand. Pfingstsonntag im Vorhof des Münchner Zentrums. Frisch der Morgen, klar die Luft – die beste Zeit um durch diesen beschaulichen Korridor gen Feldmoching zu wandern. Keinn Auto stört und am gewaltigen Rangierbahn von München Nord ist der Betrieb eingestellt. Auch am ersten erste Teilziel, die drei Feldmochinger Badeseen, gilt der Kodex: Still ruht der See, obschon die DLRG vorsorglich einen frühmorgendlichen Posten eingerichtet hat.















Vom Szeneviertel zum Kunstareal
Nach dem Abstieg von der Olympiaalm steht schon der nächste Anstieg bevor – es geht hinauf zum 37 Meter hohen Luitpoldhügel, ebenso ein gewaltiger Schutthaufen, der heute im Luitpoldpark ein beliebter Rückzugsort für die Schwabinger ist, die hier im benachbarten Szeneviertel ihre Heimat haben. Pfingstsonntags zu früher Stunden ist selbst in Schwabing noch Zurückhaltung angesagt, ansonsten geht hier schon die Post ab. Ein besonderer Ort der Beschaulichkeit ist der Alte Nordfriedhof. Zwar wurde offiziell der Friedhof nie entweiht, jedoch dient heute das Areal als Erholungsfläche und Ruhepark. Glücklicherweise klärt mich eine Besucherin auf, die meine verwunderten Blicke registriert angesichts der hier anzutreffenden Umstände. München ist eben immer wieder für eine Überrraschung gut. Die Maxvorstadt querend erreicht man den imposanten Königsplatz. Heute schlägt hier das Herz des Münchner Kunstareals. Man könnte Tage verbringen um sich intensiv mit den hier eingebrachten Kunststätten zu beschäftigen.




Im zweiten Wohnzimmer
Von vom Kunstareal führt die Passage in das zweite Wohnzimmer der Münchner – in den Englischen Garten. Jener Park der größer ist als der Central Park in New York, der so groß ist, dass er die Ironie von „Stadt“ und „Natur“ endgültig entlarvt. Hier wird das Flanieren zur sanften Form der Selbsttäuschung. Man tut so, als wäre man draußen, während man doch mitten in einer Metropole bleibt. Die Temperaturen kratzen mittlerweile an der 30 Grad Marke und just am Pfingtsonntag gibt es in München scheinbar nur ein Ziel – hinein in den Garten. Kurzum – es ist die Hölle los. Vor lauter Badegäste kann am Schwabinger Bach so gut wie kein Wasser mehr ausmachen. Die Fuß- und Radwege überfüllt wie die A8 zwischen München und Salzburg. Der Rasen okupiert von Sonnenanbetern, sportlich Aktiven und freilaufenden Hunden – der Biergarten am Chinesischen Turm offensichtlich bis auf den letzten Platz belagert. Nur langsam ebbt die Flut der Besucher auf dem Weg zum Kleinhesseloher See ab. Aber auch das gehört zu München und zur Münchner Kultur. Den Isarring querend geht es vorbei am Biergarten Hirschau entlang des Oberjägermeisterbaches und siehe da, hinter dem Minibräuhaus München wird es ruhiger. Hier kann man wieder in den entschleunigten Modus wechseln und hier zeigt sich auch, dass die Wahl des Startortes und des finalen Zielortes für diesen Münchentrail durchaus vortrefflich war.







127 prall gefüllte Kilometer durch eine Stadt, die die sich mit Inbrunst dagegen wehrt, als Abenteuer verstanden zu werden. Alles wirkt geschniegelt, funktional, kulturhistorisch abgesichert – als hätte jemand die urbane Erfahrung in eine gut gepflegte Steuererklärung übersetzt. Und doch: Wer sich zu Fuß durch diese Stadt bewegt, entdeckt schnell, dass unter der Oberfläche der bayerischen Ordnungsliebe ein erstaunlich widerspenstiges Terrain liegt. Man muss nur bereit sein, die U- und S-Bahn-Logik der Bequemlichkeit aufgeben und sich in das einzulassen, was heute unter dem Begriff „Urban Trail“ genannt wird. Zu Fuß durch München zu gehen heißt zunächst, einen stillen Pakt mit der Geschwindigkeit zu brechen: Während sich die Stadt in Tram und S-Bahn selbst beschleunigt, wird der Fußgänger zum Störsignal. Und hier sind wir bei einem wunden Punkt. Der München Trail ist nicht ausgeschildert und kein in den offizieller Karten hinterlegter Weg, auch wenn dies ursprünglich ganz anders geplant war. Zu beachten ist zudem, dass man als Fußgänger in München der niedrigsten Kaste aller Verkehrsteilnehmer angehört. Selbst Jogger genießen andere Privilegien. (Extrem viele) Radlerrowdys radeln nicht sie rasen – ungebremst und rücksichtlos. Gehwege sind dabei grundsätzlich nicht für Fußgänger vorgesehen, sondern eher für E-Scooter und Lieferdienste konzipiert. Wer das im Hinterkopf hat schon einigermaßen vorgesorgt. Den Isarradweg zu kreuzen, auch wenn die Fußgängerampel auf Grün steht, kann lebensgefährlich sein, denn hier ist Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung eindeutig außer Kraft gesetzt. Es hat nach Verlautbarungen sogar schon Stadtpolitiker gegeben, die den Einsatz von Radelblitzern gefordert haben.
Jedoch der eigentliche Reiz dieser Tour beginnt dort, wo die Karte dünn wird. Wer Richtung Isarauen unterwegs ist , betritt eine andere Stadtdramaturgie. Die Isar ist (neben den Biergärten) Münchens demokratischster Ort. Hier liegen Jogger neben Biertrinkern, Slackliner neben Hundebesitzer, Radler neben Porschefahrer – alle vereint in der stillen Übereinkunft, dass Natur etwas ist, das man in der Stadt „nutzt“. Der kieselgesäumte Fluss bleibt davon unbeeindruckt, was ihn vielleicht zum ehrlichsten Bewohner der Stadt macht.
Doch der eigentliche Gewinn der urbanen Fußreise liegt nicht in den weltbekannten Kulissen, sondern in den Zwischenräumen, in den Nischen, Hinterhöfen, unscheinbaren Straßen, die in keiner Broschüre vorkommen. Dort, wo sich die Stadt der eigenen Imagepflege entzieht. Ein Kiosk, der seit fünfzig Jahren unverändert existiert, eine kleine Werkstatt, die aussieht, als hätte sie die Digitalisierung aktiv ignoriert, ein Innenhof, der versehentlich schöner ist als der geplante Platz nebenan – und dann natürlich breit gestreut die wunderbaren kastanienbaumbeladenen Rückzugsorte, dort wo ein Australier mir erklärte: “I like the germans- they are always sitting in the beer garden and swinging the stones” . Auch wenn der München Trail sechs Jahre nach Konzeptionierung in der Wandercommunity noch nicht wirklich angekommen ist, es lohnt sich in jeglicher Hinsicht diese Entdeckungsreise anzugehen. Unter https://www.muenchen-trail.de/ sind umfassende Informationen zum Weg hinterlegt.



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