Blieskastel, der 29. April 2026 – Die Vorschusslorbeeren sind schon gewaltig. Im Februar 2024 als “Qualitätswanderweg Wanderbares Deutschland” zertifiziert, im Mai 2025 als “„Leading Quality Trail – Best of Europe“ geadelt und und im August 2025 als “Deutschlands schönster Mehrtageswanderweg ” gewählt. Das Ganze eingebettet im UNESCO-Biospärenreservat Bliesgau, südöstlich von Saarbrücken an der Grenze zu Lothringen zu verorten, dort wo die einhundert Kilometer lange Blies durch die Lande mäandert um in Sarreguemines in die Saar zu entwässern.
Hier ist auch der offiziellen Startpunkt des Bliessteiges. Hier nennen sich die Einwohner Sarregueminois, in lokalen rheinfränkischen Dialekt Saageminner und in der deutschen Sprache Saargemünder. Nomen ist omen – denn der Ortsnahme ist abgeleitet vom Wort Gemund und bezieht sich auf den Zusammenfließ von Saar und Blies an dieser Stelle. Sarreguemines strahlt auf Anhieb eine Wohlgefälligkeit aus und verleitet dazu einfach zu bleiben, jedoch die mit knapp vierzig Kilometer eingeplante Tagesetappe, die zu früher Stunde angegangen wird, lässt zumindest an diesem Tag eine ausgedehnte Entdeckungstour nicht zu.
Sarreguemines-Blieskastel
Vom Bahnhof geht über die Promenade des Quais de la Sarre in den Mündungsbereich der Blies, um von dort aus dem Bliessteig zu folgen. Mit einem Steig haben die ersten neun Kilometer nichts zu tun, denn man wandert eben entlang der Blies, die gleichzeitig auch ein Grenzfluß ist, durch die flussnahen Naturräume. Dreimal wird die Grenze gewechselt bevor man sich am Pont du Passeur zwischen Blies-Schweyen und Bliesbolchen endgültig von Frankreich verabschiedet.












Den Weiler Bliesblochen querend geht es leicht aufwärts steigend zum Kloster Gräfinthal, ein ehemaliges Wilhemitenkloster welches heute von Benediktinermönchen bewirtschaftet wird. Kloster Gräfinthal ist eine bekannte Wallfahrtsstätte und zudem ein beliebtes Ausflugsziel wo sich zudem eine hochwertige Gastronomie angesiedelt hat. Hinter dem Kloster verzieht sich der Bliessteig in den Wald. Die Aussichten sind rar, die Wegequalität bis zur Ortschaft Reinheim zentriert sich auf überwiegend angenehme Waldpfade. Dröger hingegen der Waldabschnitt der auf überwiegend breiten Waldwegen zunächst bis nach Ballweiler führt. Mangels Einkehrmöglichkeiten wähle ich einen Bypass über den Golfclub Katharinenhof, wo auch Wanderer zu einer Kaffeerast einkehren können.






Interessanter wird es hinter Ballweiler. Die Waldstrecke verlassend öffnet sich die Landschaft und man wird mit dem bliesgautypischen Landschaftsbild konfrontiert – das man jedoch nicht überbewerten sollte. Es handelt sich um eine gängiges Landschaftsidyll ohne besondere markante Auffälligkeiten in der Landschaftstextur – am langen Ende ein gewöhnliches Panorama in einer ländlichen Region. Spannend fällt eine Begegnung im benachbarten Wecklingen aus. Hier treffe ich Werner Daut, ein Multitalent, der seit fast fünfzig an seiner eigenen Burg werkelt. Ein Multigenie mit außergewöhnlichen Begabungen. “Am liebsten wäre ich Bildbauer geworden” erzählt der gelernte Mechaniker, der voller Stolz viele Geschichten über seine hier eingebrachten Arbeiten einbringt. Sichtlich beeindruckt geht es weiter oberhalb der Muschelkalkhänge hinab nach Blieskastel, der schönsten Stadt entlang des gesamten Steiges und gleichzeitig Endstation der ersten Tagesetappe.





Blieskastel – Homburg
Der zweite Tag wird es in sich haben. Offiziell ist die Strecke von Blieskastel nach Homburg in drei Strecken eingeteilt, wo man in Gänze die Höhenmeter und die ausgedehnten und nicht gerade mit Aussichten bereicherten Waldpassagen nicht unterschätzen sollte. Ungewöhnlich für einen zertifizierten Wanderweg, daß auf diesem Abschnitt gerade in den langen Waldstrecken so gut wie keine Rastmöglichkeiten eingebracht wurden.
Schön zunächst der Auftakt vom Busbahnhof Blieskastel. Flugs hat man das schön gestaltete Areal des oberhalb liegenden Minoritenklosters erreicht. Nach weiteren zwei Kilometern ist das “Wahrzeichen der Region” in Sicht – ein viertausend Jahre alter Menhir, und mit 6,58 Metern der Größte seiner Art in Mitteleuropa. Einst verband man den Gollenstein als keltische Hinterlassenschaft, jedoch geht man mittlerweile davon aus, dass das Kultobjekt mit mutmaßlich religiös-kultischem Hintergrund bereits tausend Jahre früher eingebracht wurde. Was viertausend jahre Bestand hatte wurde 1939 beinaheernichtet. Man hatte Angst, dass der exponiert stehende Gollenstein von der französischen Artillerie als Richtpunkt genutzt werden könnte und verlegte flugs den Standort. Ergebnis der Aktion: der Stein zerbrach in vier Teile und erst 1951 setzte man den Stein wieder zusammen und ergänzte die ausgesplitterten Teile durch Beton.








Von Blieskastel wandert man hinüber in den benachbarten Ortsteil Lautzkirchen um im Anschluß durch das Naturschutzgebiet Kirkeler Bachtal gen Kirkel zu gehen, dort wo die markante Ruine der Kirkeler Burg das Landschaftsbild dominiert. Hinter Kirkel steigt man ein in das Taubental, dort wo der spektakulärste Abschnitt des Bliesteiges einsetzt. Entlang des Kirkeler Felsenpfades, der ebenso ein Teil des Burgpanoramaweges ist, taucht man ein in mächtige Buntsandsteinformationen. Besorgniserregend, wenn eine Felsgruppe als Unglücksfelsen benamt ist. Einer Sage zufolge soll hier einmal ein Reiter abgestürzt sein. Bedenklich erscheint zudem der Hinweis auf einem Schild, dass Klettern nur auf benamten Felsen, wie den Unglücksfelsen, gestattet ist.














Nach dem Felspfad wandert man durch einen längeren Waldabschnitt zur Klosterruine Wöschweiler, einem weiteren Highlight des gesamten Bliessteiges. Von der ehemaligen Klosteranlage geht es steil abwärts nach Wörschweiler. Hier erinnert ein Permarauschen, ausgelöst von der hier durchgezogenen A8, dass man sich doch im 21. Jahrhundert befindet. Hinter der Autobahnunterquerung erreicht man die Ortschaft Schwarzenacker, wo auch ein kleines Römermuseum Gelegenheit bietet, sich über die römische Zeit in diesem Landstrich zu informieren. Hinter dem Römermuseum geht es aufwärts durch den Wald des Pfändertals hinauf zum Berghof Einöd, dort wo man für wenige hundert Meter Aussicht tanken kann, bevor man wieder in die saarländischen Waldabschnitte abdriftet. Leider ist das Waldidyll Rabenhorst wegen Insolvenz geschlossen, sonst hätte man Gelegenheit gehabt, vor dem Schlußspurt zur Burgruine Hohenburg noch eine schöne Rast einzulegen. Es war ein französischer Baumeister, ein gewisser Sebastian Vauban der dreihundert Jahre nach Ersterrichtung der Burg im Auftrag von König Ludwig XIV sowohl Burg als auch die Homburger Altstadt signifikant ausbaute und prägte. Heute zeugen nur noch steinerne Fragmente von der ehemals gewaltigen Festungsanlage. Von der Burgruine erreicht man nach wenigen Minuten den Stadtkern der Industrie- und Universitätsstadt Homburg.











Homburg – Bexbach
Finale am Bliessteig – mit 35 Kilometern die kürzeste Strecke dieser dreitägigen Entdeckungstour. Gerade einmal sechs Bahnminuten ist Homburg vom Endpunkt Bexbach entfernt. Der Bliessteig hat ab Homburg allerdings nichts mehr mit dem Verlauf der Blies zu tun und verzieht sich in einer großen Schleife in nordwestlicher Richtung. Von der Stadtmitte Homburgs geht es wiederum hinauf zum Schloßberg hinauf, diesmal zur nördlichen Flanke unterhalb der Festung. Die Waldpfade sind in diesem Abschnitt ansprechend und führen zunächst zum Karlsbergweiher sowie zur ehemaligen Orangerie und weiterführend zum früheren Standort von Schloß Karlsberg. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, welch ein Prunkpalast auf dem heutigen Buchenberg (damals Karlsberg) im 18. Jahrhundert errichtet wurde. Französische Truppen die sich zurückziehen mußten plünderten und brandschatzten das stattliche Schloss, den Rest besorgte die Bevölkerung. Teile des opulenten Inventars konnten gesichert werden und sind heute unter anderem auf Schloß Nymphenburg, der Residenz Bamberg und Würzburg sowie dem Königlichen Schloß Berchtesgaden zu besichtigen. Der Steig legt sich um das Industriegebiet von Homburg und führt durch den Königsbruch/Jägersburger Wald zum Möhlwoog und Brückweiher, dort wo sich ein ausgedehntes Naherholungsgebiet entwickelt hat.







Hinter den Weihern ist wiederum Waldarbeit angesagt. Minimale Aussichtsmöglichkeiten bereichern die Waldstrecke nicht wirklich. Stetig aber sehr moderat geht es aufwärts zum höchsten Punkt des gesamten Steiges, dem 518 Meter hohen Höcherberg, der mit einem Aussichtsturm nebst Gastronomie bestens bestückt ist und ein beliebtes Ausflugsziel der Regionist, zu dem man mit dem Auto den Gipfel locker erreichen kann. Der Rest – das übliche Standardprogramm durch die waldreiche Region. Hinter Münchwies mäandert der Steig auf sehr schönen Pfaden abwärts und vorbei an Frankenholz, Oberbexbach und dem gewaltigen Steinkohlekraftwerk zum finalen Ziel der gesamten Tour, dem Bahnhof in Bexbach.







Offiziell ist der Bliessteig in neun übersichtliche Tagesetappen konfektioniert. Die hier vorgestellte Variante beläuft sich auf drei Touren mit insgesamt 111 Kilometern und knapp 2.700 Höhenmetern. Optimal für solch ein Vorhaben ist es, sein Wanderlager im Homburg aufzuschlagen. Die Verkehrsverbindungen zu den Start- und Endpunkten sind ausgezeichnet, dass ÖPNV ist sehr gut ausgebaut, die Taktung gut und die Tarife günstig – in der Summe ein Novum im Bundesgebiet. Herzerfrischend auch die Bodenständigkeit und direkte Art der Saarländer. Hier ist man gerade heraus. Ist man sich mit Bus und Bahn unterwegs, so hat man das Gefühl: hier kennt jeder jeden. Viele gute Gespräche wie man sie selten entlang des Weges findet waren eine Bereicherung auf dieser Tour – und selbstredend natürlich die saarländische Küche die mit dem Motto “Hauptsach’ gudd gess“ in eine verinnerlichte Lebensphilosophie mündet.
Gemischt fällt hingegen die (natürlich subjektive) Beurteilung des Bliessteiges aus. Long-distance-walker, die als Landschaftsentdecker unterwegs sind, werden vom Bliessteig enttäuscht sein. Der Weg ist schön, aber trivial und ohne bemerkenswerte Landschaftstexturen. Überproportional viele Waldpassagen ohne Aussichten dominieren den Streckenverlauf. Wer Ruhe sucht und im Sommer vor der Hitze fliehen möchte ist hier richtig unterwegs. Wenn man offene Flächen erreicht, dann hat man zumeist Aussichten auf einen landwirtschaftlich geprägten Raum – das Landschaftsrelief selbst ist unauffällig. Ein “Wow-Effekt” stellt sich nur temporär, wie beispielsweise entlang des Kirner Felsenpfades, ein. Wer die Region entdecken möchte ist daher gut beraten die offiziellen Kurzpassagen unter die Wandersohle zu nehmen und den Tag mit zusätzlichen Anlaufstationen zu bereichern.
Sicherlich -Zertifizierungen lassen sich mit Kapitaleinsatz bewerkstelligen. “Mit unserem Qualitätszeichen “Leading Quality Trails – Best of Europe” garantieren wir hochwertige Wanderwege mit abwechslungsreicher Wegeführung” so das Credo des Deutschen Wanderverbandes. Ein Maßstab der zumindest für den Bliessteig mit einem Fragezeichen versehen werden kann. Ein “Geschmäckle” bleibt, wenn man die Wahl zu “Deutschlands schönsten Wanderweg 2025” betrachtet, dort wo der Steig mit 25% aller Stimmen schlussendlich auf dem Siegertreppchen landete. Die Wahl selbst ist ein klassicher Publikumspreis. Das renommierte Wandermagazin trifft mit einer Jury eine Vorauswahl, die auch aus Bewerbungen von Touristenregionen ausgewählt werden, und stellt diese offiziell zur Wahl. Unverblümt bekennt sich die Saarpfalztouristik zu ihrem Engagement: “Unser professionelle Wahlkampf für den Weg mit einer Marketingkampagne wie Flyer, Poster, Wahlkarten, Brottüten, Social-Media und verschiedene Werbeartikel haben uns den Titelgewinn eingebracht” Ernüchternd, aber nicht überraschend, ist diese Aussage. Dass man damit am langen Ende den Ursprungsgedanke konterkariert wird dabei billigend in Kauf genommen. Kommerz schlägt Qualität. Alleine in der unmittelbaren Nachbarschaft, sei es in Luxemburg oder in der Pfalz gibt es eine Vielzahl von nicht prämierten und nicht zertifzierten Wanderstrecken, die in einer ganz anderen Liga spielen, was auch ortsansässige Einwohner offenporig bestätigen. Nachdenklich stimmt der Kommentar eines Anwohners, der sich darüber wundert, dass ein Odenwälder Wanderer auf dem Bliessteig unterwegs ist, und dies mit feinstem saarländischen Dialekt unverblümt kommentierte: “Isch versteh das ganze Geschiss um dää Wääsch nit”.

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