
Sylt im August 2019 –
Sylt – klangvoll der Name, polarisierend wie kaum eine andere deutsche Insel. Schickimicki-Insel, Champagner und Kaviar, Schlauchbootlippenblondinen die mit dem Porsche Cabrio Kampens Straßen frequentieren, Immobilienpreise die jenseits jeglicher Schmerzgrenzen liegen. Sylt – eine nordfriesische Insel mit zehn Naturschutzgebieten, beeindruckenden Heidelandschaften, an der schmalsten Stelle gerade einmal 320 Meter breit, seit 1927 per Eisenbahndamm mit dem Festland verbunden, eigenwillig die Inselform und unberechenbar wie die Nordsee. Latent ist die Gefahr, daß die Insel irgendwann auseinanderbrechen wird. Experten verorten dabei die Sollbruchstelle auf der Höhe von Rantum. Bedenklich bedrohlich der Umstand, daß jährlich über eine Millionen Kubikmeter Sendimentsverluste zu verzeichnen sind.
Grund genug die nördlichste Insel Deutschlands unter die Schuhsohle zu nehmen. 2018 veranstaltete erstmals die Megamarsch-Company einen 24 Stunden-100 Kilometermarsch rund um die Insel. Aus leistungssportlicher Sicht ein interessantes Angebot. Spannender ist es jedoch die Insel intensiv zu erkunden und mit den eigenen Füßen zu lesen.
So werden es am langen Ende 103 Kilometer werden, aufgeteilt in drei passable Touren. Vom Festland aus ist es ein Katzensprung auf Sylt. In Niebüll am Bahnhof kann man für sieben Euro pro 24 Stunden bequem parken um per Bahn die Insel zu erreichen. Bereits der 5.31 Uhr-Zug ist gut gefüllt. Einzelhandelsangestellte und Arbeiter, die auf dem Festland wohnen, pendeln täglich auf die Insel. Nach 21 Minuten ist die erste Bahnstation, Morsum, als Ausgangspunkt für eine die erste Exkursion erreicht.
Gut beraten ist man sich an das bewährte Muster bei einer Inselwanderung zu halten, von Ost nach West gehend – immer dem Sonnenverlauf folgend um beste Lichtverhältnisse und die sogenannte Goldene Stunde nach Sonnenaufgang zu nutzen.

Vom Morsumer Bahnhof geht es zunächst zurück um in das Highlight des Tages, das Naturschutzgebiet Morsumer Kliff einzutauchen. Für Geologen ein herrliches Territorium um die Erdgeschichte vor Ort zu studieren, für den Freizeitwanderer einfach ein atemberaubendes Areal. Gut beraten ist man auf den ausgewiesenen Wegen zu bleiben. Oberhalb des Kliffs hat sich eine ausgedehnte Heidelandschaft ausgebreitet. Schwenkt man in die untere Zone, die am Wattenmeer verläuft ein, so überwältigt im Licht der aufgehenden Sonne der förmlich brennende Limonitsandstein. Sylt von seiner besten Zeit – vergessen alle Klischees die dieser Insel übergestülpt werden.









Weiter geht es auf sehr schönen Pfaden entlang des Abschnittes Mittelsand zum sechs Kilometer entferntem Keitum. Inseleinwärts ist der Abschnitt mit der Heidelandschaft kultiviert. Natürlich beeindruckt auch die Lage des ein oder anderen Anwesens reetsgedeckter Objekte in exponierter Lage mit Sichtkontakt zum Wattenmeer. Traumlagen in einer traumhaften Umgebung.




Bald ist Keitum erreicht. Das Dorf strahlt eine außergewöhnliche Zurückhaltung aus. Große Anwesen mit ausladenden Grundstücken, Straßenzüge mit einem alten Baumbestand, aufgeräumt und fast schon steril wirkend. Noch ist es zu früh für eine Caferast, so bleibt der Gang zur außerhalb liegenden Kirche St. Severin. Außerhalb der Friedhofsmauern sind in westlicher Richtung große historische Grabplatten von Seefahrern, Kapitänen und anderen ehrenwerten ehemaligen Bewohnern der Insel aufgebaut, die man besichtigen kann.



Weiter geht es über den Munkmarsch vorbei an der Keitumer Heide zum Naturschutzgebiet Braderuper Heide vorbei am Fährhaus Sylt nach Kampen. Glücklicherweise ist das ehemalige Fischer- und Bauerndorf nicht durch Hochbauten verschandelt, die hier eingebrachten Architektur ist gehobenste Baukunst vom Feinsten. In Kampen findet man zudem die nördlichste Luxusshoppingmeile Deutschlands, garniert mit hochpreisigen gastronomischen Betrieben. Angesichts dieses Ambientes kann man sehr wohl nachvollziehen, daß Betuchte und Promis sich hier besonders wohlfühlen.








Nach einer verspäteten zweiten Frühstückspause in einem bezahlbaren Café geht es weiter nordwärts vorbei an Westerheide Richtung List. Konnte man noch bis Kampen von einer sehr passablen Wanderwegsinfrastruktur sprechen, so muß man sich auf dem weiteren Weg nach List auf eine Asphalttour auf den vorhandenen Radwegen einstellen. Die interessante Textur des Geländes jedoch läßt diesen Umstand vergessen. Dank der Inselgröße kann man bereits auf dem Hinweg nach List den Wegeverlauf des Rückweges durch die gegenüberliegende Dünen- und Heidelandschaft hin- und ausreichend studieren.








List, der nördlichste Punkt des geschlossenen deutschen Sprachraums in Mitteleuropa. Bei der Rückfahrt per Bahn Richtung Festland berichtet ein 80jähriger Sylter, dass vor 75 Jahren gerade einmal elf Häuser in List standen. Heute kann man von List aus per Fähre die dänische Nachbarinsel einreichen und ein touristischer Rummelplatz nebst Fischbude, Verkaufsständen und Riesenrad wurde hier eingerichtet. Knapp 1.500 Einwohner sind hier in List ansässig. Erschütternd das Preisniveau der hier aufgerufenen Immobilienpreise. So werden beispielsweise für eine 62 qm2 große 3-Zimmer-Eigentumswohnung schlappe 1,2 Millionen Euro als Kaufpreis aufgerufen.


34 mehr als beeindruckende Kilometer Sylt, so die Bilanz der ersten Etappe. Mit der Buslinie 1, die im 20-Minuten-Rhytmus zwischen List und Westerland verkehrt, geht es zurück zur Inselhauptstadt und von dort aus auf das Festland nach Niebüll.
Gehe zurück auf Los. Tag II der Exkursion startet kurz nach Sonnenaufgang am Rummelplatz in List, der zu dieser Zeit regelrecht ausgestorben ist. Ideal um sich einzustimmen auf das Highlight des Tages, der Ellenbogenrunde zum nördlichsten Zipfel Deutschlands. Motorisierte Fahrer haben hier eine Maut abzudrücken um die letzten Asphaltkilometer nutzen zu dürfen, da es sich um eine Privatstraße handelt. Für Wanderer ist auf der Karte ein Wanderpfad eingezeichnet, wobei man gut beraten ist auf dem Pfad, der nicht markiert, aber erkennbar ist und durch die Heide- und Dünenlandschaft führt, zu bleiben. Die Spitze der Insel ist garniert mit feinsten Puderzuckersand. Eine Handvoll Rad- bzw. Autofahrer verlieren sich in den Weiten des Areals. Baden ist hier verboten, Verpflegungstellen gibt es hier glücklicherweise nicht – hier genießt man einfach ein herrliches Stück Natur jenseits des Jubels und Trubels. So ist es nachvollziehbar daß dieses Gebiet für die Megamarschrunde tabu ist.
















Zurück geht es über die Weststrandhalle durch den Liststrand – Hauptzielrichtung Westerland. Heide, Dünen – Dünen, Heide. Was trist klingt strahlt eine besondere Atmosphäre aus. Verkehrsmittel No 1 ist hier das Fahrrad. So folgt man der gegebenen Radweg-Infrastruktur immer südwärts gerichtet. FKK-Strand, Hundestrand, Strandsauna, die legendäre Buhne16, Sturmhaube so die Stationen die passiert werden. Hinter jedem dritten Dünenhügel liegt ein Strandzugang. An markanten Punkten sind für Strandbesucher Parkplätze eingerichtet, mit moderaten Tagessätzen von drei Euro pro Fahrzeug.









Vor Westerland wird man mit einem Berganstieg konfrontiert, es geht hinauf zur Uwedüne, einer 52,5 Meter hohen Erhebung, die im Umkreis von 40 Kilometern von keiner weiteren natürlichen Erhebung überragt wird. Es lohnt allemal die 110 Holztreppenstufen zu erklimmen, der 360 Grad Rund-um-Blick beeindruckt durchaus.







Entlang der Westseite Kampens führt ein herrlicher Dünenhochpfad nach Wenningsstedt ein touristisch geprägter Vorhof von Westerland. Wenningstedt ist ein beliebter Badeort für Familien. Aufwändig gestaltet ist der großzügige Strandboulevard auf dem es quirlig zu geht. Man merkt – Pulver ist genug vorhanden um hier in eine hochwertige Infrastruktur investieren zu können.





Weiter geht es zur Inselhauptstadt Westerland, die ungeprüft und ungefiltert auf den ersten Blick nicht wirklich einladend wird. Die Hauptfußgängerzonen sind im Stile der Brutalarchitektur der sechziger und siebziger Jahre gestaltet. Infrastrukturell ist Westerland die Drehscheibe für die Insulaner und deren Besucher. So gesehen kann man auf eine explizite Erkundung verzichten um zielgerichtet den Bahnhof zur Rückfahrt anzusteuern. Tourentag II belegt mit 39 Kilometer und dank der Uwedüne mit spektakulären 200 Höhenmetern.



Gehe zurück auf Los gilt nicht für den letzten Abschnitt der Sylterrunde. Diesmal erfolgt der Start wiederum von Morsum aus – Zielrichtung Südwesten. Bereits bei Kartenstudium verdeutlicht sich, dass die lebendige Textur der Landschaft, die man bei den ersten Etappen genießen konnte, sich so nicht fortsetzen wird. Hier zeigt sich das andere Sylt – die klassische Wattenmeerlandschaft, die ihre eigene Dynamik entfaltet und sich entlang der Niederungen rund um das Rantumer Becken zieht. Das Areal einst als Fliegerhorst für Seeflieger konzipiert, ist mit seinen Biotopen mittlerweile als Europareservat deklariert. Beliebt ist das Rantumbecken insbesondere bei Joggern die hier eine ausgedehnte Zehn-Kilometerrunde absolvieren können.







Hinter dem Rantumer Becken, in Rantum selbst, ist zunächst einmal Kaffeepause angesagt. Ab hier gibt es nur noch eine Richtung auf dem Inseltrail – immer südwärts bis zur Spitze nach Hörnum. Die meisten Radfahrer nutzen die einzige Verkehrsstraße, die dicht befahrene Hörnumer Straße, die zum Inselende führt. Wanderer aber auch Radler können bis zum Parkplatz Sansibar den östlichen naturbelassenen Weg nutzen, eine wesentlich angenehmere Alternative.




Sansibar – für die einen eine Insel vor Tansania, für die anderen DER Sylter Hotspot. Promitreff und Epizentrum eines gehoben Strandlebens. Sehen und gesehen werden. Allemal muß man dem Betreiber einen gewaltigen Respekt zollen. Es ist schon eine Lebensleistung eine Strand- und Bretterbude als Marke zu etablieren, aufzubohren mit einer hochwertigen gastronomischen Leistung und das ganze einzupacken in ein Preisschema, welches außerhalb der Norm eines Rucksackträgers liegt. Wer mag kann hier eine Currywurst für 12 Euro verzehren. Mehr als 30.000 hochpreisige Weinflaschen sollen in den Gewölben unterhalb der Strandstube lagern. Sansibar als Insellegende eine Welt für sich,und eben auch ein Stück Sylter Inselkultur der besonderen Kategorie.



Weiter geht es Richtung Hörnum. Vor Hörnum ist die Strecke für Radfahrer tabu – es geht durch das Naturschutzgebiet Budersand. Zwei steile Dünenhügel sind zu überwinden, bis Ei n Golfplatz erreicht ist und der Leuchtturm von Hörnum der hinter dem Hafen liegt in Sichtweite ist. Nach 30 Kilometern ist damit das Tagesziel erreicht. Zur Komplettierung der Inselrunde wäre jetzt noch der Rückmarsch in das 13 Kilometer entfernte Westerland fällig. Jedoch Pragmatik geht hier vor falsch verstandenem Ehrgeiz. Bei 32 Grad Außentemperatur und der Aussicht auf dampfenden Asphalt auf dem parallel zur Verbindungsstraße laufenden Radweg, begleitet von Lärm und Gestank kann man getrost auf diese Passage verzichten, zudem auf diesem Abschnitt die engste Stelle der Insel keine neuen Erkenntnisse und Sichtweisen liefern wird. So erfolgt die Rückfahrt mit der Buslinie 2 nach Westerland um von dort aus per Bahn zurück auf das Festland zu fahren.





Alles in allem tolle 103 Wanderkilometer und stolze 440 Höhenmeter auf. Sylt, klangvoll der Name, polarisierend einerseits und überraschend für Wanderer andererseits. Mehr als nachvollziehbar daß sich hier der Club der Millionäre und A-, B-, oder C-Prominente besonders wohlfühlen. ABER auch der normale Standardurlauber findet hier sein Plätzchen. Aus der Wanderbrille betrachtet bietet Sylt spannende und vielschichtige Entdeckungsmöglichkeiten und ist eine glatte Empfehlung für außergewöhnliche Trails.
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