Bremer StadtRANDwege

Bremen, den 01. Dezember 2025 – Dezember, ein idealer Monat für stadtnahe Exkursionen. Die Schmauchspuren des Herbstes haben sich verzogen, das Tageslicht reduziert sich auf acht Stunden. Karg, ja fast trostlos das Landschaftsbild, und eine vorweihnachtliche Hektik bestimmt die Schlagzahl in den kommunalen Zentren. So bietet es sich regelrecht an im urbanen Umfeld neue Eindrücke zu sammeln, nicht alltägliche Wege zu beschreiten und die Welt für sich neu entdecken. 2024 hat der Bremer Ullrich Horstmann einen Wanderführer mit dem Titel “Bremer Stadtrandwege”aufgelegt. 125 Kilometer, einmal rund um Bremen, konfektioniert in zwölf Etappen. Klingt spannend und verlockt in das Umfeld außerhalb der schönen Hansestadt einzutauchen.

In knapp einer halben Stunde gelangt man vom Bremer Hauptbahnhof mit der Tramlinie No. 4 zum empfohlenen Startort Borgfeld. Auch wenn die Sonne erst um 8.15 Uhr über den Horizont steigt, ist es nicht verboten zum meteoroligischen Winterfang bereits eine Stunde vorher die morgendliche Stimmung einzufangen, denn es lohnt sich, wie der Gang durch denBorgfelder Ortsrand Richtung Borgfelder Wümmewiesen und den nachfolgenden Wümmeniederungen unter Beweis stellen wird.

Mit knapp siebenhundert Hektar sind die Borgfelder Wümmewiesen das größte Naturschutzgebiet Bremens
Borgfeld – ein angenehmer Wohnort, wie die Villa Wikingborg eines Kaufmanns und Reeders exemplarisch unter Beweis stellt. Auch Nachfahren des letzten deutschen Kaisers lebten hier just gegenüber
Und fernab der Welterbestadt Bremen lebt man hier noch auf dem Dorf…
…dort wo man vor der Haustüre Natur pur genießen kann….
…dort wo selbst Trafostationen ansehlich verkleidet sind….
…dort wo die Zeit stehen geblieben scheint….
und dort, wo entlaubte Bäume ihre wahre Schönheit zeigen

Vorbei an einigen imposanten reetsgedeckten Anwesen schwenkt man ein in den Flurweg der bezeichnender Weise “Auf der Alten Weide” heißt, und einmal mehr vermittelt, dass man sich hier im ländlichen Raum befindet. Zwei Landschaftsparks flankieren dabei die Wanderstrecke. Rechter Hand der Park Höpkers Ruh und linker Hand der Muhles Park. Ein Kurzabstecher durch den Ortsteil Oberneuland führt zur gleichnamigen Mühle und weiter zum Gut Hodenberg, ursprünglich als Adelshof errichtet, später als “Irrenanstalt” wie man damals umgangsprachlich psychiatrische Kliniken bezeichnete, umgewidmet, und nachfolgend vom legendären Reeder und Schiffsbauer Rickmers übernommen.

Immer wieder schön anzuschauen, die typisch niederdeutschen Zweiständerhäuser mit Reetsdach
Auch die Pferdezucht spielt hier eine bedeutende Rolle, wie die zahlreichen Weiden unter Beweis stellen
Hofladen mit angeflanschter Regenrierungszone
Entlang des Wirtschaftsweges Auf der Alten Weide….
…wandert man weiter zu den Parks
…dort wo mächtige Baumboliden stehen
Seit Jahrhunderten bewährt – die norddeutsche Backsteinbaukunst
Nebenan der Showroom eines historischen Radgeschäftes. Manche Biker fahren ja gerne ohne Klingel, damals verwendete man noch kunstvoll gestaltete Signalgeber
Die Osterholzer Mühle
Aufwändig und kilometerlang eingezäunt ist Gut Hodenberg, welches nur bei besonderen Anlässen für die Öffentlichkeit offen steht
Ein Klassiker: Das Dreiecksfenster nebst Ziergiebel
Die farblichen Akzente des Dezembers
Es überrascht, dass hier bayrische Verhältnisse herrschen. Windkraftanlagen sind rund um Bremen augenscheinlich rar

Gemäß Wanderplan des Wegegestalters würde der empfohlene Stadtrandwanderwege entlang zweier Kiesgruben, die mittlerweile als Freizeitareal umgewidmet wurden führen. Mit Wasser gefüllte Kiesgruben scheinen im Dezember nicht wirklich erbaulich zu sein, zudem auf dieser Tagestour fünf offizielle Stadtrandwanderrouten zusammengelegt wurden und daher eine zweckmäßige Routenoptimierung erforderlich war. So geht es direkt durch das Schweizer Viertel von Osterholz, denn hier haben immerhin 13 von insgesamt 21 Straßennamen einen Schweizer Bezug, wobei augenscheinlich die türkische Gastronomie und Geschäftswelt die Oberhand zu haben scheint. Man ist in diesem multikulturellen Viertel eben international aufgestellt. So lohnt es hier eine zweite Frühstückspause einzulegen, um mit einem hervorragenden Menemen und einem türkischen Tee den Körnerhaushalt wieder aufzufüllen. Durch das weitläufige Areal des Klinikums geht es durch den Friedhof Osterholz, eine außergewöhnliche und beeindruckende Friedhofsanlage. Alleen, Wassergräben und Seen bereichern die Parklandschaft was durch die erhöht angelegten Grabfelder, die selbst mit Eibenhecken eingefasst sind, zusätzlich akzentuiert wird.

Im Schweizer Viertel ist mehr Istanbul als Bern drin
Blick auf das Krankenhausmuseum des Klinikparks Bremen Ost
Der Irrstein – ein Mahnmal an den Schandflecken der Geschichte der auf diesem Areal liegt
Der Friedhof Ostholz – ein würdevolles Areal…
…..sowohl für die Ruhenden – als auch für die Besucher

Streckenoptimiert geht es von der beeindruckenden Friedhofsanlage zur Mahndorfer Düne und zur Ahrbürger Mühle, die in der ursprünglichen Stadtrandwegswanderung nicht auf dem Radarschirm stehen. Große Industrieanlagen prägen den Stadtteil Hemelingen, dort wo einst Borgward angesiedelt war. Ein absolutes Dreckloch ist im Korridor der Ahlringstraße anzutreffen. Illegale Müllablagerungen im dichtbesiedelten Raum entspricht nicht wirklich der feinen Bremer Art der tradionsreichen Hanseregion. Nach knapp dreißig Kilometern ist große Pause an der Weser-Wehrpromenade angesagt. Eine Münchner Brauerei, die mit der leichten Isar-Weisse per se Braukunst auch mit Flusslandschaften verbindet, betreibt hier an der Weser ein stattliches Haus, dessen Biergarten im Sommer sicherlich bestens frequentiert wird. So gesehen eine willkommene Einkehrmöglichkeit, bevor die Wanderung über den Weserbogen zur Arstener Tramstation führt, dort wo die Straßenbahn im Zehn-Minutentakt das Umland mit dem Bremer Zentrum verbindet.

Die Mandorfer Dünenlandschaft, entstanden aus eiszeitlichen Flugsand….
Nebenan kann man der Ahrberger Mühle einen Besuch abstatten
Historische Grabsteine rund um die St. Johanniskirche von Ahrbergen
Nicht wirklich “Zuhause in Bremen” – Vermüllung im öffentlichen Raum
…und nebenan schweigen sich die “Suchenden und Findenden” an…..
…während einige Meter weiter am Weserufer Lebensfreude pur angesagt ist
Quer über die Weserwehr…
…geht es final durch den Weserbogen der Neuen Weser

Weiter geht es am nächsten Morgen von Arsten Zielrichtung Vegesack. Fulminant der Tagesstart mit einem außergewöhnlichen Morgenrot welches die Landschaft regelrecht flutet. Hier bewährt sich erneut die Erkenntnis zeitig vor dem Sonnenaufgang die Wanderschuhe zu schnüren, es bestätigt aber auch die Wetterregel, dass ein fulminantes Morgenrot auf schlechtes Wetter hindeutet. So wird es für den Rest des Tages vor sich hin nieseln, was das Wanderlebnis jedoch nicht beeinträchtigt. Vis a vis der Kladdinger Wiesen wandert man auf einer Länge von vier Kilometern entlang der südlichen Flanke des Bremer Flughafens. Während am heimischen Frankfurter Flughafen im Minutentakt Flugzeuge starten und landen sind auf dieser vier Kilometer langen Passage gerade einmal drei Flugbewegungen auszumachen – aus hessischer Brille betrachtet eine Oase der Stille. So folgt man dem Flußverlauf Ochtum, dort wo früher auf dem Wasserweg Torf transportiert wurde, um den Stadtteil Huchtingen zu queren.

“Du bist der Hahnschrei nach der Nacht der Zeit” verfasste der just vor 150 jahren geborene Lyriker Rilke zum Thema Morgenrot
Advent, Advent, der Himmel brennt…. – Blick zurück auf die Radarstation des Flughafens….
Hier steht die größte Brandsimulationsanlage der Welt – ein ideales Trainingscenter für die Flughafenfeuerwehr
…und gegenüber brennt das Morgenrot….
…und drückt den Halmen seinen Farbstempel auf
Bewässerungskanäle entlang der Wanderstrecke

Hinter den Kladdinger Wiesen erreicht man Huchting, dort wo auch das Rolandcenter, welches als eines der ersten deutschen Einkaufscenter 1972 errichtet wurde, anzutreffen ist. Dahinter setzt der drögeste Abschnitt der gesamten Stadtrandwandertour an, jedoch sind bei einer solchen Gesamtstreckenlänge inspirationslose Abschnitte durchaus einzukalkulieren, die man eben zwangsläufig “abarbeitet” Nicht wirklich erbaulich ist der Vorschlag des Wanderplaners, der im Bremer Ortsteil Seehausen die Strecke entlang der gewaltigen Kläranlage vorbeischleift. Im Nachgang betrachtet bietet sich sinnigerweise eine gangbare Option durch das Marschland über den Steertgrabenweg und der Weißefeldstraße Richtung Weser an. Was folgt ist eine entspannte zehn Kilometer lange Deichwanderung entlang der Weser. So könnte man im Wanderflow sich locker fünfzig Kilometer weiter bis nach Bremerhaven bewegen. Bei Lernwerder geht es per Fähre hinüber nach Vegesack, dort wo am hiesigen Bahnhof diese Tagestour endet und man per Regionalbahn in 15 Minuten den Bremer Hauptbahnhof erreicht.

Kein Vogelnest – sondern Ausguck über die Naturlandschaft
Auch wenn das Wetter trüb ist – die Landschaft ist immer reizvoll
Blick hinüber auf das Bremer Stahlwerk
Auf einer Länge von mehr als einem Kilometer haben sich zahlreiche Graffitikünstler an der Mauer einer Werft kreativ verewigt.
Die Skulptur einer Walfischflosse…..
..und eines sieben Meter langen Blauwalunterkiefers erinnern daran, dass einst Vegesacker Seeleute als Walfänger in den Nordmeeren unterwegs waren. (Das Original des Kiefers wurde 1987 durch den abgebildeten Bronzeguss ersetzt

Die im wahrsten Sinne des Wortes abrundende letzte Passage führt von Vegesack zurück Borgfeld. Ullrich Horstmann hatte im Rahmen der Wegeführung einen zehn Kilometer langen Stich von Vegesack zum Ortsteil Farge eingeplant. Mag es um eine akademische Berücksichtigung des westlichst gelegenen Stadtteils von Bremen handeln, sinnvoll und auch wandertechnisch bereichernd erscheint dieser “Ausflug” nicht wirklich. So geht es von Vegesack zunächst in den Ortsteil Blumenthal hinüber zur Burg Blomendal und weiterführend durch ein feudales Vegesacker Villenviertel zum Wasserschloss Schönebeck

Vegesack um 07:25 Uhr: “Ja wo laufen Sie denn”…… (In Bremen, dem Loriot sehr verbunden war gibt es übrigens einen Loriotplatz nebst sitzenden Knollennasenmann)
Die schwimmende Brücke zwischen Lemwerder und Vegesack
Lürssen mit Hauptsitz in Vegesack gilt als das exklusivste Superyachtbauunternehmen der Welt. So hat man hier beispielsweise die längste Yacht der Welt für den Herrscher von Abu Dhabi gebaut
Beschaulicher hingegen geht es im benachbarten Stadtteil Blumenthal zu….
…dort wo seit dem 14. Jahrhundert die mittelalterliche Burg Blomendal steht
Entlang der Beckedorfer Beeke wandert man durch einen schönen bewaldeten Klein-Talabschnitt (in Vegesack sind die größten Hügel auf der Gesamtstrecke anzutreffen)
“Sozialer Wohnungsbau” in Vegesack-Schönebeck
Das nächste Wasserschloß – Schloß Schönebeck

Von Schönebeck wandert man durch ein gehobenes Villenviertel nach Bremen-St.Magnus um durch den wohlgestalteten Knoops-Park zu wandern. Am Ortsteil Lesum trifft man auf die Lesum, einem Nebenfluss der Weser, und ab hier startet der krönende Abschluß der Bremer Stadtrandwegstour. Für die nächsten zwanzig Kilometer ist eine herrliche Deichwanderung angesagt. Denn man folgt zunächst der Lesum, um in Folge bei Wasserhorst der Wümme bis nach Borgfeld zu folgen. Allerdings nur, wenn man nicht der Empfehlung des Wanderführers folgt. Hier hat der Wanderwegsentwickler eine Passage entlang der Kleinen Wümme durch das Blockland vorgeschlagen, um, sofern man einen Bypass nimmt, die höchste künstliche Erhebung Bremens, die Müllkippe, die mit dem Kunstwerk Metalhenge bestückt ist, zu integrieren. Kann man machen, jedoch wandertechnisch erscheint die Alternative am Deich als bessere Option. Vorbei an den wunderschönen Wummesieder Fachwerkhäusern wandert man durch die beschilften Wümmezonen dort wo eine Geest- und Moorlandschaft in den Wümmeniederungen eine einzigartige Wanderatmosphäre bietet. So kann man nur darüber rätseln, wieso der Autor nicht diese Variante gewählt hat, zudem man sich just hier an Bremens Stadtgrenze bewegt.

In der Marinegeschichte eine Legende: Admiral Brommy – verstorben in Lesum
Sachen gibt es….
Am Ufer der Lesum
Am Wasserhorster Siel – hier wurde ab 1864 das erste dampfbetriebene Schöpfwerks Deutschland betrieben
Manch ein Reetsdach könnte auch eine Kernsanierung vertragen
Die Wasserhorster Kirche am Deich
Eine traumhafte schöne Landschaft….
…nebst Traumhaus am Deich
Und gegenüber ist man schon in Niedersachsen. Die Wümme- ein Grenzfluß
Auch im Winter lassen sich hier viele Vögel nieder – kein Wunder….
Dachdeckerkunst und Reetsästhetik – ein schilfgedecktes Walmdach
Das schiefe Haus an der Wümme
Wenn die Deichpost kommt, muss alles effizient organisiert sein…
Grüne Fachwerkbalken sind an und für sich in Norddeutschland eher untypisch aber passen hier sehr wohl
Im Grenzgebiet
Entlang des Wümmewanderweges findet man einige Einkehrmöglichkeiten, die natürlich zu dieser Jahres- und Uhrzeit nicht alle geöffnet haben

Der Bremer Stadtrandwanderweg – eine ausgezeichnete Idee um das Bremer Land zu entdecken. Dank gilt dem Streckenentwickler Ullrich Horstmann, der hierzu einen 112 Seiten starken Wanderführer aufgelegt hat, der hervorragend ist, um sich einen Überblick zu verschaffen. Das Büchlein selbst ist jedoch nicht wirklich praxistauglich. Die Streckenführung ist akribisch niedergelegt. (Beispiel: An der Mahndorfer Heerstraße wenden wir uns kurz nach links, gehen an einem Supermarkt vorbei, biegen hinter der Schule rechts in die Hexenstiege ab….). So mag man im 19. Jahrhundert Wanderführer konzipiert haben, denn das begleitende und abgebildete Kartenmaterial ist nicht zu gebrauchen (Beschriftungsgröße 4 dpi), ein kompletter Streckenüberblick fehlt gänzlich und GPS-Tracks stehen nicht zur Verfügung. Es ist nicht anzunehmen, dass Wanderinteressierte mit dem Wanderführer in der Hand streckensuchend durch die Landschaft mäandern, da es zudem keine Wanderwegsbeschilderung gibt, obschon dies ein Herzenswunsch des Streckenentwicklers wäre. So sollte eine zweite Auflage zeitgemäß überarbeitet werden.

Ungeachtet dessen. Die Entdeckungstour war spannend und man kann interesseabwägend die ein oder andere Wegealternative in Erwägung ziehen. Am langen Ende waren es 110 Kilometer, die da steigungslos, sehr gut in drei Tagesteappen zu bewältigen sind. Bremen City bietet sich als zentrale Übernachtungsoption anl, und man kann auch noch zu abendlichen Stunden im Rahmen einer schönen Stadtrundwanderung die Gelegenheit nutzen um die Hansastadt zu entdecken – vom Stephanieviertel, über die Uferpromenade zum Schnoorviertel bis zum UNESCO-Areal.

Für diese Tour muß man sich nur zwei Linien merken: Tramstation 4 und die Regionalbahn NWB RS 1
Just vor dem Zentrum Bremens: Die Windmühle in den Wallanlagen
Und nach einem langen Wandertag empfiehlt sich eine Einkehr in der Ersten Bremer Gasthausbrauerei Schüttinger, dort wo auf dem Bierglas ein Alarmpegel aufgedruckt ist
Vorweihnachtliche Stimmung im Bremer Wohnzimmer

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