Via Vulkanring zum Heiligen Bonifatius

Effolderbach/ Fulda  31.1./1.2. 2015. „Respekt, Respekt“ so der Kommentar eines Ilbeshausener Einwohners, der um 8.00 Uhr morgens mit der Schneeschippe den Bürgersteig gangbar machte. Scheinbar ungewohnt für die heimische Bevölkerung dass bereits im Januar  ein Pilgerer von Mainz nach Fulda unter verschärften Bedingungen unterwegs ist. Aber von vorne.

Aus verkehrslogistischen Gründen hat es sich angeboten die restlichen 77 Kilometern an einem Wochenende zu absolvieren. Strategisch günstig der Ausgangsort Effolderbach, 550 Seelen zählende Kleinkommune mit angeschlossenem Hauptbahnhof auf der Verkehrsachse Frankfurt-Gießen liegend. Nach starken Schneefällen in den letzten Tagen ist der Großraum des Hoherodskopfs gut eingepudert – mit niederschlagsfreier Perspektive für die nächsten beiden Tage.  Vorbei an der Dorfkirche geht es in nordwestlicher Richtung hinauf zur historischen Rechten Nidderstraße, dem uralten Handelsweg zwischen Frankfurt und Leipzig. Bereits auf den ersten Metern begeistern erneut die weiten Panoramablicke.

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Start in Effolderbach
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Kein Yeti sondern Hanwag Banks Schuhgröße 46
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Toll dass wenigsten von Juli bis August das Gottehaus offen ist
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Schneegeäst
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Wild auf Schritt und Tritt
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In der Ruhe liegt die Kraft

Vorbei an Eckartsborn geht es zunächst vorbei an der Ruine der Schafskirche. Hier soll der Legende nach der Leichenzug von Bonifatius ehemals gerastet haben. Lißberg selbst liegt in einer Talsenke. Im Mündungsdreieck von Hillersbach und Nidder erhebt sich eine Basaltkuppe, auf deren Spitze der Lißberger Bergfried im Volksmund „Krautfaß“ genannt trohnt. Bei gutem Wetter kann man von hier aus  den „Ginheimer Spargel“ in Frankfurt sehen. Wiederum schade, dass die ortsansässige Kirche verschlossen ist, ebenso wie das benachbarte Musikinstrumentenmuseum mit der weltweit größten Drehleier- und Dudelsacksammlung. Schön dass wenigstens die Außenschilder darauf hinweisen, welche sehenswerten Ausstattungen hinter Schloß und Riegel gesteckt wurden.

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An der Schafskirche
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Bedenklich: Schoppenzeiger Richtung Mainz….
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Coole Karre im Winterschlaf
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Uwe Ecke aus Lißberg – ein supernetter Bonifatiuswegsupporter
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Musikinstrumentenmuseum zu Lißberg
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Lißbergs Kirche nebst Wahrzeichen
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Fehlt nur noch TV und Kühlschrank im mächtigen Jagdgestühl

Weiter der Hohen Straße folgend geht es auf herrlichsten Pfaden stetig aufwärts gehend Richtung Hirzenhain. Hirzenhain, ehemals einer der bedeutendsten Produktionsstätten der Eisenindustrie im oberhessischen Raum. Selbstverständlich ist auch die auf dem Areal des ehemaligen Augustinerklosters errichtete spätgotische Kirche ordnungsgemäß abgesperrt. Weiter führt der Weg durch die Gederner Landschaft, via Glashütten und Streithain Richtung Burkhards. Am oberhalb gelegenen Friedhof sind einige interessante historische Grabsteine ausgestellt.  Der Schneelage geschuldet wird bis nach Sichenhausen  die Kreisstraße als gangbare Alternative gewählt. Hier am Talende hat man einen fantastischen Vogelsbergpanoramablick.

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Blick auf Hirzenhain
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Die Nidder querend
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Vulkanbasalt
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Bizarre Schneeimpression
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Dorfkirche in Burkhards
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Sachen gibt es… Dampf-Molkerei
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Weite Blicke in die Lande
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Noch ein bisschen früh….

Unter erschwerten Bedingungen geht es nun  hinauf  in  die Vogelsberger Höhenlagen jenseits von 660 Höhenmetern und damit dem höchsten Punkt des gesamten Trails. Sattsame  Schneefälle auf offensichtlich seit Tagen nicht begangenen Pfaden bieten Gelegenheit vollen Körpereinsatz zu zeigen. Bis zu 40 cm Einsacktiefe bei stetigem Aufwärtsanstieg und noch verbleibenden zehn Restkilometern – pilgern kann auch an die Substanz gehen – nicht nur mental. Vorbei am Ernstberg und der Herchenhainer Höhe wird der markante Rehberg umrundet. Bald taucht die zweithöchste  Erhebung des Vogelberges, der Hoherrodskopf (763 m)  auf. Dunkle Basaltfragmente aum Wegesrand verdeutlichen, dass vor 20 Millionen Jahre hier die Erde mächtig gebrodelt hat. Im Einzugsbereich von Hochwaldhausen sind zahlreiche Loipen angelegt, die von der bretterfahrenden Fraktion frequentiert werden. Verwundert die Blicke auf den Wanderexoten der im Wintersportgebiet unterwegs ist.

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Ab in den Tiefschnee mit Blick auf den Rehberg
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Ist das nicht herrlich….
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Superbiker mit dicken Schlappen

Nach 40 Kilometern, über 1.000 Höhenmetern und einem schneebedingten Kräfteeinsatzfaktor von gefühlten 1,5 ist das Tagesendziel, das „Grüne Paradies“ in Hochwaldhausen erreicht. Die familiär geführte Pension ist eine absolute Empfehlung  für den durchreisenden Wanderer. Headquartier der Pension ist die nebenanliegende rustikal-urgemütliche Kneipe „Zum Sauwirt“. Herzlich der Empfang, überraschend das erste „Rescue-Bier“ in zweifacher Hinsicht. Im Vogelsbergerareal scheinen auch beim Weißbier die größten Gläser die 0,3 l Marke nicht zu überschreiten. Speziell, sehr speziell der sensorische Nachhall des kredenzten Weizenbieres von der Will-Bräu aus Motten. Ich hege den Verdacht, dass zuvor eine Faß Eppelwoi durch die Leitung gejagt wurde. Chef Achim dementiert sofort „Unsere Leitungen sind sauber“ führt aber an, dass die Brauerei in der Bayrischen Rhön eine sehr Spezielle sei und sehr markante Biere mit einem eigenwilligen Geschmack braue. Alternativ steht das süffige „Schwarzer Hahn“ ein untergäriger Gerstentrunk zur Verfügung – sehr zu empfehlen – genauso wie das flambierte Holzfällerschnitzel, kredenzt von Christiane, welche in ihren wilden Jahren sich vor der Flucht eines Sperrstunden überschreitenden Polizeieinsatzes in  den Küchenkühlschrank flüchtete, wie die in der Speisekarte eingearbeitete Gaststättenvita eindrucksvoll dokumentiert. Tochter Diana, die besonders frühaufstehende rastlose Wanderer in ihr Herz geschlossen hat, (Danke für die Frühstücksvorverlegung!) belegt eindeutig: -hier ist man gerne Gast“. Und dass eine hochkultivierte philosophische Vogelsberger Stammtischkultur gepflegt wird belegt das weitreichende Themenspektrum von gemeindlicher Friedhofsverordnung über treffsichere weibliche Jägerinnen und den Vorzügen des Verzehrs roher Wildschweinleber.

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Schneehauben im Vogelsberg
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Fast auf Augenhöhe mit dem Hoherodskopf
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Nach knackigen 41 Kilometern – das Tagesziel
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Und das Bier wird von den Tollitäten kredenzt….
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Abendliche Grundausstattung für den Bonifatiuspilger

Wohltuend die Ruhe in unmittelbarer Nachbarschaft zur Vogelsberklinik. Mit Elan geht es Punkt 8.00 Uhr am nächsten Morgen zur Schlußetappe in das gemäß Wanderagenda 30 Kilometer entfernte Fulda zur letzten Ruhestätte des heiligen Bonifatius. Daß am langen Ende der Wandertacho bei 37 Kilometer stehen geblieben ist, zeigt sich wieder einmal, dass man gut beraten ist bei entsprechenden Kilometerangaben grundsätzlich einen Zuschlag von mindestens 15% einzukalkulieren. Auch wenn am Ende des zweiten Wandertages wiederum 500 Höhenmeter zu absolvieren waren, geht es zur Domstadt tendtiell entspannt abwärts. Einhergehend mit der sinkenden Höhe auch die sinkende Schneehöhe. Von Ilbeshausen geht es durch freie Wiesenlandschaften mit weitreichenden Blicken Richtung Rhön nach Nösberts-Weidmoos und weiter nach Steinfurt. Weiter durch einen malerischen Winterwald wird die Grenze zum Landkreis Fulda durchquert. Hier im Tal der Schwarza bauten im 13. Jahrhundert Zisterzienserinnen ein stattliches Kloster mit dem mittlerweile ältestens Vierungsturm Deutschlands. Hinter dem sich anschließenden Hainzell folgt mithin der schönste Wegverlauf auf der Bonifatiusroute.  Nach fünf Kilometer ist Kleinheiligkreuz erreicht, dort wo seinerseits der Trauerzug die letzte Rast vor Fulda einlegte. Hier endet auch der 14 Stationen umfassende Kreuzweg der bei Fulda startet.

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Vogelsberger Baumaterialstudie
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ein Klasse Dialekt
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selbst die Straßenschilder hochkreativ
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Ein echter Patriot
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On the road Richtung Nösberts Weidmoos
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Die ehrwürdige Kirche zu Blankenau
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Der Wegpatron in Sandstein gearbeitet
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Cold as Ice…
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Wasserwehr in Hainzell
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Wegkreuze auf Schritt und Tritt
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Blick zurück auf Hainzell
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Herrliche Wanderbedingungen
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Auch eine Alternative….
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Blick auf Kleinheiligkreuz
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Vogelsberger Winterwanderareal

Durch den Schnepfenwald stößt man auf die zur Gemarkung Großenlüder gehörende Schnepfenkapelle mit ersten Sichtkontakt auf Fulda und die dahinter liegende Rhön. Es mag vor 1.251 Jahren für den Trauerzug schon erhebend gewesen sein, nach einem langen Marsch das Ziel der Reise zu erblicken. Fulda am gleichnamigen Fluß liegend, liegt eingebettet in einem weiten Talgrund flankiert von Vogelsberg und Rhön. Bonifatius entdeckte 744 dieses Tal und gab die Anweisung hier ein Kloster zu errichten mit der weiteren Verfügung hier seine Ruhestätte einzurichten. Das trostlose Industriegebiet von Malkes passierend führt die Restpassage über Rodges nach Haimbach zum Bonifatiusplatz. Der barocke Dom in der Gesamtheit in schlichtem weiß gehalten im Detail mit opulenter Ausgestaltung, beindruckt in seiner Gesamtheit. Hinter dem Altar führt eine Treppe zur Gruft des großen Heiligen. Das Relief oberhalb des Grabes visualisiert die Ermordung von Bonifatius durch heidnische Friesen. Noch heute treffen sich hier die deutschen Bischöfe zu Beginn der jährlichen Bischoffskonferenz. Nicht ohne Stolz vermerkt das Domkapital in Fulda das Herz der katholischen Kirche Deutschlands schlägt.

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Schnepfenkapelle
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Der heilige Bonifatius
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Auch eine nette Idee
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Blick auf Fulda oberhalb des Schnepfenhofes
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Richtung Bonifatiusplatz flankiert von Fastnachtern
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Der Dom zu Fulda
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Kirchenbarock vom Feinsten
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Die Bürde der Kanzel tragend…
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Die Grabstätte des heiligen Bonifatius

Mehr oder minder zufallsbedingt der Anreiz Anfang des Jahres eine Etappe des Bonifatiusweges zu absolvieren. Am Ende des Monats blieb ein vollendeter Pilgerzug, ein Beleg dafür, dass zu jeder Jahreszeit dieser Weg gangbar und erlebbar ist. All in 202 Kilometer mit 3.524 Höhenmetern in fünf Etappen. Zwei Fingerzeige für kommende Wanderprojekte die auf der Schlußetappe aufgenommen wurden: Von der Fulda zurück zum Main entlang des Jakobsweges einerseits und eine 115 Kilometer lange Vulkanringexkursion rund um den Vogelsberg anderseits. Glänzende Perspektiven für kommende Touren.

 

 

 

 

 

 

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