Frankfurter U-Marathon

Frankfurt, den 23. Dezember 2017 –

Wenig beachtet wird das Potential von Stadtwanderungen. Schier unermesslich die Möglichkeiten urbanisierte Flächen mit immer einem anderen Fokus zu entdecken. So steht die Stadt Frankfurt wieder einmal mehr im Brennpunkt, diesmal mit der Zielsetzung den Untergrund der Mainmetropole zu entdecken.  Das Resultat –eine ungewöhnliche Marathonwanderung mit ungewöhnlichen Einblicken – sofern man sie sehen will.

1968 wurde die Frankfurter U-Bahn als dritte U-Bahn in Deutschland nach Berlin und Hamburg  und als 35. U-Bahn der Welt“ feierlich eröffnet. Heute besteht das Netz aus neun Linien mit 27 Tunnelbahnhöfen und 59 oberirdischen Stationen, wobei das U-Bahn-Netz von mehr als 300.000 Fahrgästen täglich genutzt wird. Ziel der Exkursion war es die unterirdischen Stationen zu erkunden, um ein Stück der jüngeren Stadtgeschichte aufzunehmen

Gestartet wird, wie der einheimische Frankfurter zu sagen pflegt, „Drippdebach“ also südlich des Mains, dort wo die einzige unterirdische U-Bahn-Station vorzufinden ist, der Rest liegt „Hippdebach“ welches für manch einen Südhessen schon in Norddeutschland liegt, da im landläufigen Sprachgebrauch der Main eine klare Grenze darstellt – zumindest in Südhessen. Die erste U-Bahn-Station ist der Südbahnhof in Sachsenhausen, der Frankfurter Stadtteil der gewöhnlich von einer permanenten Apfelweindunstglocke überzogen ist.

Der Südbahnhof 1873 unter der Bezeichnung Bebraer Bahnhof, gleichzeitig mit dem benachbarten Offenbacher Hauptbahnhof eröffnet, hat ein durchaus sehenswertes  Empfangsgebäude welches 1914 eröffnet und im Jugendstil gehalten ist. Zum Bau des 1984 eröffneten  unterirdischen U-Bahn-Anschlusses  wurde seinerseits fast das gesamte Empfangsgebäude abgetragen und nach Ende der Tunnelarbeiten wieder errichtet. Die Wände des U-Bahnhofs sind mit historischen Bildern, unter anderem des alten Empfangsgebäudes bestückt und veranschaulichen ein Stück Frankfurter Stadtgeschichte.

Hinab zum U-Bahnsteig Südbahnhof
Ein Stück Alt-Frankfurt am Bahnsteig
Noch spürbar – ein Hauch Vergangenheit
Und der Preis der Moderne: ein Überangebot an Leihrädern am Vorplatz

Weiter geht es vorbei an einer Vielzahl von Ebbelwoiwirtschaften  zum Schweizer Platz im Herzen des gründerzeitlichen Neu-Sachsenhausens gelegen.  Der Platz repräsentative als  sternförmiger Platz nach Pariser Vorbild angelegt, Shoppingboulevard und südliches Einfallstor zum Museumsufer und zum Bankenviertel der Stadt.

Blick vom Schweizer Platz auf Downtown Frankfurt
Noch fünfzig Minuten bis zum Sonnenaufgang

Als einzige Frankfurter U-Bahn-Station liegt diese Station   nicht unter der Straße sondern unter einem Häuserblock. Die auch wegen der  anschließenden Mainunterfahrung  tiefer gelegene Station wurde daher in bergmännischer Weise errichtet. Der dreischiffige Grundriss, führte zu einer gewölbten Halle mit dem Anmut eines sakralen Raums.  Passend hierzu befindet sich am linken nördlichen Tunnelschacht eine eingelassene Figur der Heiligen Barbara als Schutzpatronin der Bergleute Tunnelbauer. Auch die in der Nähe befindlichen Museen lassen es sich berechtigterweise nicht nehmen, deutlich auf die Kulturinstitutionen hinzuweisen.

 

Hier ist der Apfelwein omnipräsent
Mit dem Anmut einer Kathedrale
Modern die Gestaltung am Bahnsteig
Die Schutzpatronin der Tunnelbauer St. Barbara
Frohe Weihnacht aus dem Automat
Nicht zu übersehen – Frankfurt die Museumsstadt
Frankfurter Rolltreppenaussicht

Raus aus der Röhre und nördlicher Richtung weiter. Rasch ist vom Schweizer Platz aus das Mainufer erreicht. Linker Hand vorbei am berühmten Städelmuseum geht es über den Holbeinsteig, die markante Fußgängerbrücke, die mit den blauen Stahlpylonen das Museumsufer durchaus bereichert.

Der Holbeinsteg….
..verbindet Sachsenhausen mit dem Bahnhosfviertel

Der kürzeste Weg führt mitten durch das dunkelste Viertel der Stadt. Noch ist es auch am Himmel dunkel und manch einem Schattengewächs, welches die Moselstraße Richtung Kaiserstraße quert möchte man nicht einmal am hellichten Tag begegnen. Vorbei an Frankfurts Kultstätte, dem Moseleck geht es zügig zum  Hauptbahnhof der Stadt.

Insider kennen diese Pforte – 22 Stunden täglich geöffnet das berühmt/berüchtigte Moseleck

Östlich des 1888 vollendeten Empfangsgebäudes liegt der einzige viergleisige U-Bahnhof in Frankfurt. Da sich die hier zwei Streckenlinien  im spitzen Winkel kreuzen, entschied man sich, anstelle eines unterirdischen Turmbahnhofs einen einzelnen, aber viergleisigenU- Bahnhof mit zwei Mittelbahnsteigen zu errichten.  Man muss schon abgehärtet sein um zu früher Stunde die Nischen des Areals zu erkunden. Subversive Gestalten und Elemente, die angesichts des Fotoequipments aufgeschreckt sind, ein stechend beißender Uringeruch der durch die nicht immer ansehnlichen Ecken und Nischen wabert – Streetphotography kann durchaus spannend sein. Architektonisch hat man zaghaft versucht einige gestalterische Akzente zu setzen, jedoch ist es augenscheinlich, dass das U-Bahn-Gelände ein ungastlicher Ort ist und sowohl die Sicherheitskräfte als auch die Reinigungskräfte, die am Limit arbeiten um das Areal halbwegs in Schuss zu halten,  täglich vor neue Herausforderung steht.  An dieser Stelle ein Dank an die hier tätigen wahren Helden der Arbeit.

Der altehrwürdige Frankfurter Bahnhof
Ungewohnt -die B-Ebene noch menschenleer
Trist/spartanisch ist der  U-Bahnsektor gestaltet
Punktuelle Gestaltungsansätze verlieren sich in dieser Trostlosigkeit
Einzig der Getränkeautomat setzt Farbakzente
Ein Gestaltungshighlight am U-Bahnsteig
Vielleicht nutze ich mal die Treppe……..

Die Exkursion – vier Jahre zu früh, denn dann könnte man auf dem Weg zur U-Bahn-Station Festhalle/Messe noch die derzeit in baubefindliche U-Bahn-Station Europaviertel aufnehmen. So geht es, weg von der Schmuddelecke Hauptbahnhof zum modernen Messeareal mit dem omnipräsenten Messeturm als markante Wegweisung. Praktischerweise befinden sich Eingänge zum U-Bahnhof  direkt an der legendären Festhalle, der Messe und dem Messeturm. Die bunt gestalteten Betonwände sind nach der Idee des Gestalters ein Metapher für die bunten Flaggen, die vor dem Messeeingang hängen. Zwei zwölf Meter hohe Glaspyramiden, deren Form an die Spitze des Messeturms erinnern, dienen als Zugänge und bringen Licht in den Untergrund.  Moderne Architektur mit einer unaufdringlichen Zeitlosigkeit.

 

Am Messeturm
Zumindest farblich korrespondierend
Der Bahnsteig – modern gestaltet
und dank Glaspyramiden mit Tageslichteinfall
Weltstadt Frankfurt
und nebenan gelangt man zum neugestalteten Europaviertel
Der Hammermann an der Messe – ein Wahrzeichen der Stadt

Man folgt der grünen Senckenberganlage, die sich zwischen den beiden Trassen der gut frequentierten B8 befindet und geht vorbei am altehrwürdigen Senckenbergmuseum um die nächste Station, Bockenheimer Warte, zu erreichen, dort wo sich auch die altehrwürdige Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt befindet. Durchaus spannend die Gestaltung des U-Bahnhofs. Fotografien aus dem Universitätsalltag Mitte der 80er Jahre schmücken die U-Bahnsteige. Mit Metallprofilen verzierte Säulen geben dem Untergrund durchaus eine gewisse Wertigkeit. Auffällige Kreiselemente bereichern die Gestaltung Treppenanlagen.   Jedoch das Highlight der Station ist ein historischer U-Bahnwaggon der aus dem Untergrund kommend in den Himmel wächst und gleichzeitig als  westlicher Ausgang fungiert.

Hypermodern die Station Bockenheimer Warte
Imposant – die gewaltige Stützsäule mit dem gewaltigen Kissen, welches die Deckenlast abfängt
Irgendwie futuristisch
Der Bahnsteig angereichert mit Bildern aus dem studentischen Leben an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität
Goldfarbene Metallstreben verzieren die Säulen am Bahnsteig…
und beleben das Untergrundszenario ungemein
Einfach die Gestaltung – groß die Wirkung
Und ein weiterer Ausgang der Station….
..ist besonders auffällig gestaltet

Bunt zu geht es in der Leipziger Straße, dort wo sich die nächste Station befindet. International gemischt das Publikum, Studentenatmosphäre einerseits, kosmopolitisch andererseits. Frankfurt von einer lebendigen Seite, wie es viele nicht kennen. Da die Leipziger Straße sehr schmal ist,  wurden die beiden eingleisigen Tunnelröhren der U-Bahn nicht neben-, sondern übereinander errichtet. Diese aufgrund der tiefen Baugrube und des anstehenden Grundwassers sehr aufwendige Bauweise wurde in Frankfurt noch in der ebenso schmalen Berger Straße in Bornheim angewandt. Lediglich einige Bilder von historischen  U-Bahnsystemen aus europäischen Metropolen schmücken die im Ansatz eher trist gehaltene U-Bahnstation.

Immer noch besser als graue Betonwände
Natürlich kann Frankfurts U-Bahnen nicht mit den historischen Untergrundbahnen europäischer Metropolen mithalten
Raffiniert einfach konstruiert
Eine Blechgallerie in der Station Leipziger Straße

Weiter geht es zum nordwestlichen Rand des Ortsteils Bockenheim, zur U-Bahnstation Kirchplatz. Namensgeberin dieser Station ist die hier im Platz befindliche evangelische Jakobskirche. Gestalterisch hat man den Versuch gewagt durch sakrale Blendarkaden halbwegs den Anmut einer kirchlichen Stätte zu vermitteln. Einen  gewissen Lokalkolorit vermittelt zudem das aufwändig gestaltete Mosaik von Alt-Bockenheim in der ersten Unterebene der Bahnanlage.

Treppauf – treppab – das harte Los eines U-Bahnstationen Wanderers
Alt Bockenheim läßt grüßen
Kirchplatz – Wartezone mit dem gewollten Anmut einer Kirchenbank
..und hier wird der Bezug deutlich
Oben ist der Ausblick wenig berauschend

Nach den kurz getakteten U-Bahnstationen in der Innenstadt ist nun ein längerer Fußmarsch durch den Niddapark angesagt, der von Praunheim, Heddernheim , Ginheim, Hausen und Bockenheim begrenzt wird. Hier, im größten Frankfurter Stadtpark, wurde übrigens 1989 auch eine Bundesgartenschau ausgerichtet.  Durch den Park, die Trabantensiedlung Römerstadt querend, ist nach einigen Kilometern die nördlichste unterirdische Station Frankfurts, das Nordwestzentrum erreicht.  Der U-Bahnhof wurde 1968 gemeinsam mit dem Einkaufszentrum eingeweiht. Zunächst wurde die Station sowie die anschließenden Tunnelabschnitte komplett in offener Bauweise errichtet, um das Nordwestzentrum darüber zu bauen. Wände und Säulen sind mittlerweile mit hellgrauem Naturstein verkleidet. Zweckmäßig und nüchtern die Architektur, ein gestalterischer Spannungsbogen ist jedoch nicht zu erkennen. Der Besuch dieser Station – ausschließlich ein Fall für das Protokoll aus gestalterischen  Gründen heraus könnte darauf verzichtet werden.

Weihnachtsrausch im Nordwestzentrum
Aufgeräumt, nüchtern, zweckmäßig so das Ambiente am Bahnsteig
Ein dezenter Graubehang in Stein mit akzentuierten Gestaltungselementen – aufdringlich unaufdringlich langweilig
Lebendig wird es hier nur wenn eine U-Bahn durchrauscht
Farbakzente muss man hier wirklich suchen
Es ist immer wieder eine Herausforderungen Ebenenunterschiede bildlich zu fixieren

Durch Heddernheim geht es die Nidda abermals querend nach Ginnheim , dort wo wichtige Institutionen wie die die Bundesbank oder das Polizeipräsidium angesiedelt sind. Nächstes Ziel ist eine der höchst frequentiertesten Verkehrsstraßen Frankfurts, die Miquelallee, benannt nach einem Frankfurter Oberbürgermeister. Die hier liegende U-Bahnstation Polizeipräsidium / Miquelallee dürfte in der Hitliste von Deutschlands hässlichsten U-Bahnstationen durchaus in den oberen Rängen liegen. Am 4. Oktober 1968 wurde die Station mit Inbetriebnahme des ersten Teilabschnittes von der Hauptwache zur Nordweststadt eröffnet. Der U-Bahnhof ist im öden  Stil der 1960er Jahre gehalten. Man hat durchaus den Eindruck, dass es sich hier um eine Tunnelvariante handelt, die direkt zu den Arrestzellen des naheliegenden Polizeipräsidiums führt, wenn es dort welche geben sollte. Erwähnenswert ist lediglich noch eine Besonderheit der hier befindlichen U-Bahnsteige. Diese sind für U-Bahnen der neuen Generation zu kurz. Fahren heute Züge ein, so wird die betroffene Tür elektronisch verriegelt. Wer am falschen Ende steht, den bestraft eben die Elektronik.

Vorbei am „Ginnheimer Spargel“
Gruselig grausig die Atmosphäre am Steig Polizeipräsidium/Miquelallee
..und grob fahrlässig installiert die Brandschutzeinrichtungen
Wartezone – mit dem Anmut einer Pathologie
Der Ausgang macht es auch nicht schöner
Einziger Lichtblick in dieser Station – die wahren Helden der Weihnachtszeit….
Gegenüber dem U-Bahnausgang – auch kein berauschender Ausblick

Langsam geht es wieder stadteinwärts. Unweit des Adolph-von-Holzhausen Parks, dort wo das schmucke Holzhausenschlößchen gelegen ist, geht es abwärts in die nicht zwingend schmucke U-Bahn-Station Holzhausenstraße, die ebenso zu den U-Bahnstationen der ersten Stunde gehört.  Gehabt schlicht der Stil. Gerade Linien und rechte Winkel als Zeitgeist der damaligen architektonischen Gestaltung belegen, dass für „architektonische Ergüsse“ in dieser Ära kein Raum vorhanden war.

Behaftet mit dem Charme einer Großschlächterei
Wobei, wenn man will kann man Wände durchaus ansenhlich gestalten, ob auf geraden Flächen
..oder über Eck
Auch Paneelen entfalten eine respektable Wirkung

Folgt man der Escherheimer Landstraße, so erreicht man die Station Grüneburgweg . Nahe der Station liegen die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, das Handelsblatt-Haus und ein kleines Hotel das 1992 in Zusammenhang mit dem Schmuggel von radioaktivem Material  aus dem ehemaligen Ostblock in die Schlagzeilen geriet. Grüne Keramikfliesen mit eingestreuten Elementen bereichern durchaus das Innere der Station.

Es grünt so grün am Grünburgweg
Nette farbenfrohe Gestaltung
Und selbst die technischen Elemente passen sich in das Gefüge ein
Wenn schon die Fliesen versifft sind, soll wenigstens nicht geraucht werden

 

Westend – auch ein spannender Stadtteil

So geht es weiter in den modernen Westend, dort wo eine der interessantesten Stationen der Stadt zu finden ist, die U-Bahn –Station Westend. Eine Hommage an den benachbarten Palmengarten sind die mit weiß-rose-farbenen Mosaiksteinen belegten palmenartigen Säulen. Mit der unterlegten Beleuchtung der Deckenstützen wird eine außergewöhnliche Atmosphäre erzeugt. Diese Station ist durchaus ein Beleg dafür, dass mit einfachen Mitteln und einem kreativen Gedanken eine profane U-Bahnstation gestalterisch gekonnt in Szene gesetzt werden kann.

Hat auch Seltenheitswert: U-Bahn mit Wasserleitungstafeln
Trostlos der Abgang..
aber spannend der Untergrund
Stütze im mehrfacher Hinsicht: einerseits statisch anderseits die Gedankenstütze Palmengarten
Spannende Blickachsen eröffnen sich hier
Der zarte Versuch einer Wandgestaltung
Zeitlos und hypermodern
Das Gesamtgestaltungspaket ist vortrefflich gelungen
Frankfurter Stadtwalkerin – so läuft man keine 40 Kilometer……

Nur wenige hundert Meter weiter gelangt man zu Station Alte Oper. Offensichtlich  hat sich hier der selbe Architekt, der Westend gestaltet hat,  ausgetobt. Auch hier hat man grundlegend die palmenartige Säulebstruktur, farblich etwas anders ausgerichtet, eingesetzt. Die Station wurde als erster Frankfurter Tunnelbahnhof vollkommen stützenfrei errichtet und greift mit ihren bogenförmigen Strukturen die Neorenaissancearchitektur des berühmten Opernhauses auf. Ergänzt wird das Ganze mit historischen Bühnenbildern aus dem Opernhaus, die man besichtigen kann, wenn man den Ausgang Richtung Alte Oper/Freßgasse wählt.

Alte Oper: das kommt irgendwie bekannt vor…..
Man gieße eine Betonsäule, bestücke diese adrett mit Mosaiksteinchen – fertig ist die Gestaltung
Aufwändig konzipiert – der säulenlose Bahnsteig
Erinnerungsposten an die Operngalerie
und Richtung Ausgang kann man historische Bühnenbilder der Frankfurter Oper bewundern
Ein schönes Stück Frankfurt
Trubel auf der Zeil, kurz vor Torschluß

Am letzten Einkaufstag vor Heiligabend ist auf den Straßen mehr los, als unter Tage. Station Hauptwache, im Herzen Frankfurts gelegen ist die nächste unterirdische U-Bahnstation.  Auch hier arbeitete man nach dem Legoprinzip. Die Hauptwache1729 als Hauptwachengebäude errichtet, im Zweiten Weltkrieg zerstört, 1954 vereinfacht aufgebaut, 1968 abgetragen und originalgetreu nach der Fertigstellung der U-Bahn-Station wieder errichtet. Quasi eine Win-Win-Situation. Oben hui unten pfui.  Hier scheint eine Generation von Gestaltern eine Auszeit genommen zu haben.  Eine klassische Umschlagsstation, Einfallstor zu einer der meistfrequentiertesten Einkaufsstraßen Deutschlands, der Zeil. Die B-Ebene behaftet mit dem lädierten Charme der 70er Jahre, lange Zeit Problemzone und Hotspot für das Milieu mittlerweile von der Kommune protegierte Unterkunftsebene für Obdachlose, während der tagesüblichen Geschäftszeiten jedoch durchaus gangbar, aber keine Vorzeigestube der Bankenmetropole. Schön geht anders.

Ab in die B-Ebene an der Hauptwache – kein wirkliches Schmuckstück der Bankenstadt
Einkaufsparadies an der U-Bahnstation
Stylischer Pop-Artstil der 70er Jahre
Bahnsteigimpression
Bahnsteigimpression II
Bahnsteigimpression III
Kulturmetropole Frankfurt – auch eine Gestaltungsmöglichkeit
Aufwärts Richtung Schließfach
Allemal lebendiger geht es auf der Zeil zu. Ob an den Fassaden….
..oder auf der Straße

Spießroutenlauf durch die hochfrequentierte Zeil am letzten Tag vor Heilig Abend.  Am Ende der Einkaufsstraße geht es hinab zur Konstabler Wache. Seit 1544 befand sich hier ein Zeughaus der Frankfurter Stadtwehr, das lange das östliche Ende der Zeil darstellte. 1822 wurde das mittlerweile zur Wachstation ausgebaute Militärgebäude aufgegeben und zu einem Polizeirevier umgebaut. Der Name Konstablerwache kommt daher, dass es die Wache des Frankfurter Konstablers war. 1886 wurde die Wache abgerissen und durch Geschäftshäuser ersetzt. Mit 191.000 Fahrgästen pro Tag ist die Station nach dem Hauptbahnhof (ca. 350.000 Fahrgäste) der am höchstfrequentierteste Bahnhof in Frankfurt. Ein Gestaltungsversuch wurde aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft von Frankfurt und Lyon vorgenommen. Gemalte Wandbilder zeigen verschiedene Motive aus beiden Städten, die mit einem fiktiven Verkehrsmittel verbunden sind. Jedoch ist der teilweise versiffte Zustand des Wandschmucks nicht unbedingt ein Aushängeschild für die Stadt.

Traurig traurig….
In Nischen versteckt – der Versuch einer Aufwertung
Auch am U-Bahnsteig sieht es nicht besser aus
Unspektakulär aber zweckmäßig

Vom Menschenzoo Zeil geht es Richtung Tiergehege, dem international bekannten Frankfurter Zoo, zur gleichnamigen U-Bahnstation.  Thematisch passend die Wandgestaltung des Innenbereichs und die tierische Gestaltung  der Wartezonen und Bahnsteige. Hier kann man sich bereits bei Ankunft mit der U-Bahn gedanklich auf den Zoobesuch vorbereiten.  Ein  besonderes Lob für diese Form der Stationsgestaltung.

U-Bahnstation Zoo – unverkennbar in allen Ecken und Nischen
Kreativ die Gestaltung, ob an der Wand
..in der Wartezone..
am Bahnsteig..
oder an den Auf-. und Abgängen
Wohlgefällig die Gestaltung

Weiter geht es in nördlicher Richtung hinein in die Berger Straße, dort wo die drei U-Bahnstationen Merianplatz, Höhenplatz und  Bornheim Mitte sich sowohl von der Trassenführung als auch aus gestalterischer Sicht wie Perlenketten aneinander reihen.  Auch hier mussten die beiden jeweils eingleisigen Tunnelröhren der U-Bahn nicht neben-, sondern übereinander errichtet, da die Berger Straße schlichtweg zu eng ist.

Grün, Orange, Gelb, so die Reihenfolge des Farbkonzeptes, in dem die drei Stationen mit entsprechenden Keramikfliesen ausgestattet wurden.  Ein gewisser Friedrich Ernst von Garnier, Farbphilosoph, entwickelte eigens ein Farbkonzept nach der Lehre der „Organischen Farbigkeit“. Hirnforscher sprechen gar von inszenierten Farbklängen.  Ungeachtet der Erkenntnisse führender Hirnforscher –  die Schwingungen der Farbklänge berühren aus heutiger Sicht nicht mehr zwingend das Auge des Betrachters, allemal ist diese zweckmäßige Gestaltungsform einer tristen Betonwand vorzuziehen.

Der grüne Merienplatz
durchgestylt in jeder Ecke
Dagegen in rot getaucht die Höhenstraße
Hier werden die Schwingungen der Farben jedoch signifikant gestört
Versifft der Einstieg in Bornheim Mitte
Aufgeräumt dagegen Untertage
Farblehre in ihrer ganzen Brutalität
Ob damit der Künstler einverstanden ist?
Auch diese Schmuddelecke gewinnt keinen Schönheitspreis

Auch die Station Seckbacher Landstraße reiht sich in diese Gestaltungskette ein.  Freunde, die den nostalgischen Ansatz bevorzugen, werden sich für diese Form der Architektur sicherlich begeistern.

Auch dieses Piktogramm ist nicht mehr zwingend zeitgemäß
Eine weitere Keramikausstellung in der Seckbacher Landstraße
Stahl und Keramik: eine durchaus passende Kombination

Richtung Ostpark führt der Weg zur modernen Station Eissporthalle/Festplatz, direkt an der namensgebenden Eissporthalle gelegen. Unmittelbar nebenan liegt das Frankfurter Volksbank- Stadion des zu Zeit leidlich spielenden  FSV Frankfurt. Der U-Bahnhof wurde zunächst  in einer offenen, abgedeckten Baugrube erstellt, die Streckentunnel jedoch in geschlossener, bergmännischer Bauweise errichtet. Freundlich der als Eingangsbereich gestaltete Glasbau. Aus Kostengründen verzichtete man auf externe Architekten. Rot gestaltete Wände mit Schwarz-Weiß-Fotografien erfüllen jedoch auch aus gestalterischer Sicht durchaus ihren Zweck.

Offen gestaltet die U-Bahnstation Eissporthalle
Einfach, zweckmäßig und klar strukturiert – eine Wohltat nach der vorausgegangenen Kachelorgie
Formensprache auch im Untergrund

Eine der Vorteile solcher Stadtexkursionen ist die Tatsache, dass man Stadtteilabschnitte entdeckt, die man zuvor nicht kannte. So beispielsweise am Parlamentsplatz im Frankfurter Nordend. Die Namensgebung des Platzes soll an die in 1848 stattgefundene Nationalversammlung in der Paulskirche erinnern. Interessanterweise sind auch viele umliegende Straßen nach Abgeordneten der legendären Versammlung benannt. Auch gestalterisch weist die U-Bahnstation eine Besonderheit auf. Ein Absolvent der Städelschule, der Offenbacher Udo Koch, holte sich in einem Werbeprospekt eines Großmarkt die Gestaltungsidee. Abbildungen von Gläser, Flaschen, Würstchen,  Staubsauger,  Lampen und mehr wurden in Schwarz-Weiß auf eine Paneele gebrannt und verzierten seit 1992 die Bahnsteige.  Die Säulen behängt mit gelben Metallplatten – kreative Kunst die auch für Wartende  inspirierend sein kann und soll, frei nach dem Motto: „Was hat sich hier der Künstler hierbei denn gedacht?“

Asymetrisch symetrisch
Kreativ die Gestaltung..
..und für Nichteingeweihte schwierig zu deuten

Gerade einmal 500 Meter weiter stößt man auf die  U-Bahn-Station Habsburgerallee, eine weitere spannende Station. Hier war ein Künstler namens Manfred Stumpf am Werk, der mit seiner Mosaikarbeit „Die Reise nach Jerusalem“ auf mythologische und neuzeitliche „Plagen“ wie Drogen, Alkohol, Rüstungswahn und Konsumterror hinweisen wollte. Abgebildet sind 60 Esel, die in Fahrtrichtung hinterhertrotten, beladen mit den Lasten unserer Zeit, die tausende Menschen, die täglich die U-Bahn frequentieren in ihrer Alltagstristesse zu schleppen haben.  Ob Fernsehapparat, Weinflasche, Uhr Zigarettenschachtel oder Kreditkarte – die Plagen des Zeitgeistes Stand 1992 sind hier vortrefflich aufgearbeitet. Eine Aktualisierung, ob Iphone, Internet  oder Bitcoin wäre durchaus anzudenken.

Hinab in die Gruft
Kreativ die Fliesenarbeiten
Genial der Gedanke: die Laster der Menschheit
Offensichtlich auch ein Laster….
Bereichernd – ein Stück Frankfurter Stadtgeschichte

Beeindruckt von der Gestaltung der letzten beiden U-Bahnhöfe geht es zum Ostbahnhof –bei Lichte betrachtet eine Schmuddelecke der Stadt. 1914 errichtet, im Zweiten Weltkrieg zerbombt und anschließend abgerissen. Beim Bau des neuen Empfangsgebäudes wurde sowohl an der Architektur, als auch später am Bauunterhalt gespart. Dies hat hinsichtlich Funktionalität und Erscheinungsbild des Bahnhofs signifikante  Auswirkungen. Schon seit mehreren Jahren bewahrt nur eine Stahlkonstruktion das Gebäude vor dem Einsturz. Das Gebäude präsentiert sich als verfallende Ruine. Einzig intakter Bestandteil des Bauwerks war lange Zeit die Kegelbahn, die durch den Eisenbahnersportverein (ESV) genutzt wird. Alles in allem ist dieses  Areal ein Dreckloch und absolut unpassend für die prosperierende Region in Nachbarschaft der Europäischen Zentralbank. Bleibt zu hoffen, dass sich dieser Zustand ändert,  spätestens wenn 2022 die neue nordmainische S-Bahn in Betrieb gehen soll. Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden der Bahnsteige veranschaulichen, die Geschichte der Frankfurter Mainbrücken während auf der  Zwischenebene farbige Wandfliesen die Frankfurter Skyline andeuten. Immerhin ein Lichtblick in diesem Schandfleck der Mainpetropole.

Glücklicherweise ist es bereits dunkel, so kann man das äußere Elend des Ostbahnhofs nur ansatzweise erkennen
Die Fliesenarbeiten in der B-Ebene reflektieren auf Frankfurts Hochhäuser
während in der C-Ebene die Frankfurter Brückengeschichte aufgearbeitet wird

 

Weiter geht Richtung Zentrum. Vorbei am  „neuen alten Frankfurt“, der Hühnermarkt, der im September  2018 offiziell eröffnet wird  erreicht man den Römerplatz, dort wo die U-Bahnstation Dom/Römer zu finden ist. Der Weihnachtsmarkt ist bereits abgebaut einzig der nicht gerade optimal gewachsene Weihnachtsbaum vor dem Römer strahlt noch etwas Weihnachtsglanz  aus.

Noch ist der neu gestaltete Hühnermarkt nicht zugänglich
Eine 124 Jahre alte und 33 Meter hohe Rotfichte aus dem Sauerland. Einen Schönheitspreis hat der Weihnachtsbaum allerdings nicht wirklich verdient.

Die Station ist das Gateway zur Frankfurter Altstadt und bezieht sich von der Namensgebung auf die  beiden bedeutendsten Bauwerke der Altstadt, des mittelalterlichen Rathauses Römer und der Kaiserdoms St. Bartholomäus. 1974 wurde die Station in Betrieb genommen. Während den Bauarbeiten wurden, was nicht überraschend war,  zahlreiche Funde aus allen Epochen der Stadtgeschichte gemacht. An den Wänden sind geborgene Spolien aus der 1944 im Zweiten Weltkrieg bei den Luftangriffen auf Frankfurt am Main vernichteten Altstadt angebracht. Mit Anspielung auf das unmittelbar um die Ecke befindliche Kunstmuseum Schirn wurde die Wände mit Grafikparolen rund um den Begriff „Kunst“ versehen.  Derzeit befindet sich die Station im halben Rohbauzustand. Ertüchtigungsmaßnahmen zum Thema Brandschutz und Elektroverkabelung werden eine Stilllegung der Station für fünf Monate ab Februar 2018 erforderlich machen.

Kunst oder keine Kunst…
Baustelle Dom/Römer
Wahre Worte….
..für manch einen Zeitgenossen schon…
Freigelegte Kabelschächte im Sanierungszustand
Sandfarben die Wandfliesen – als dezenter Hinweis auf die historische Farbgebung der Altstadt
Blick aus dem Untergrund in den Frankfurter Nachthimmel
Richtung Willy-Brandt-Platz

Bleibt der Gang zur letzten unterirdischen Station dem Willy Brandt Platz, der bis 1993 als  Theaterplatz bezeichnet wurde. Schlicht funktional, so die Gestaltung des Bahnhofs. Das weiß lackierte Metallblech verströmt den Charme eines OP-Saals. Einzig die „Säulen der Eintracht“ Elf „legendäre“ Spieler von Eintracht Frankfurt und ein Trainer, die per Internet-Abstimmung ausgewählt wurden verzieren zwölf tragenden Säulen. Spurengestaltungselemente, die auf das Schauspielhaus Frankfurt hinweisen bereichern die U-Bahnstation nicht wirklich. Hier wäre, auch der zentralen Lage geschuldet, eine Aufwertung der Station mehr als angebracht.

Sehr grobschlächtig die Gestaltung im Untergrund
Eher aus- als einladend
Karg und trist – nicht passabel für eine Metropole wie Frankfurt
Einzig die Säulen der Eintracht bringen etwas Lebendigkeit in diese U-Bahnstation
Eher billig als spannend
Verlässt man den Untergrund begegnet man einem neuzeitlichen Phänomen: Experten sprechen von Lichtverschmutzung
Über den Main zurück nach Sachsenhausen mit Blick auf die Europäische Zentralbank am Osthafen
Und gegenüber der markante Kaiserdom

Der Frankfurter U-Bahn-Trail – eine extrem spannende Exkursion und eine hervorragende Möglichkeit eine Stadt aus einem anderen Blickwinkel zu entdecken. Sicherlich, man kann es einfacher haben und mit einem Tagesticket für 7,50 EUR die besagten Stationen „erfahren“. Jedoch, gerade die Kombination per pedes unterwegs zu sein und Streetphotography zu praktizieren  hat seinen besonderen Reiz. Knapp 40 hochinteressante Kilometer mit einer nicht nennenswerten Anzahl an Höhenmetern dafür gefühlt tausende von Treppenstufen –praktiziertes Wandern mit einerbesonderen Note. Ein weiterer positiver  Nebeneffekt solch eines Trails –neue Ideen  für eine nicht minder spannende Exkursionen. Man darf gespannt sein auf 2018.

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